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Kiezstürmer 2026, St Pauli Theater

SUNDIAL - Die Geschichte einer Aufrüstung

Kiezstürmer, St. Pauli Theater

Endzeitstimmung

Heute muss die Souffleuse ran. Wie gut, dass sie jeden Satz des Stückes auswendig kann. So steigt sie aus ihrem dunklen Loch auf die Bühne und startet in „Lass sie verrotten!: Antigones Parallaxe“ ihren Tour-de-Force-Ritt durch ihre Gedanken und Assoziationen zu der Antigone-Story. Ist sie etwa besessen vom Tod? Ihr Jogginganzug mit dem Skelettmuster und die Erdhügel auf der Bühne könnten das nahelegen. Doch diese Antigone ist wohl eher besessen vom Leben und vom Spiel. Jedenfalls in der Person der Schauspielerin Rachel van den Boom. Sie springt über die Bühne und in ihre zig Rollen. Sie wechselt ihre Blickrichtung in Sekundenschnelle. Es ist ein Hochgenuss ihr dabei zuzusehen, So schnell, wie sie ihre Identitäten wechselt, kann man als Zuschauende fast den roten Faden ihrer Assoziationen verlieren. Doch diese Antigone führt einen immer wieder zurück. So kann man in dieser Arbeit des Jungregisseurs Iván Ruge auch dessen Mut bewundern, sich ganz auf die Präsenz seiner Hauptdarstellerin auf der nahezu leeren Bühne zu verlassen. Er hat sich ausgezahlt.

Vier Amerikaner in beigen Uniformen wühlen sich in „SUNDIAL – Die Geschichte einer Aufrüstung“ durch die Geschichte der Atomtests. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie arbeiten sich durch riesige Mengen an Fakten, Ordnern und Aktenbergen hindurch. Sie erklären sich gegenseitig und dem Publikum, worum TNT als Einheit für die Durchschlagskraft der Atombomben benutzt wird, was die einzelnen Atommächte im Laufe der Geschichte entwickeln und wie die Logik der Aufrüstung in ein unbeschreibliches Wettrüsten mündet, in der sich die Welt schließlich mehrfach auslöschen kann. Die letzte Bombe der USA könnte auch im Hinterhof gezündet werden, denn sie würde eh ebenso den Gegner wie das eigene Land verwüsten.
Doch was hier nach einer spröden Angelegenheit klingt, ist es keineswegs. Regisseur Lori Brückner gelingt es mit seinem weiblichen Darstellerinnen-Team spielend, die Informationstexte in ein unterhaltsames szenisches Spiel zwischen Leitern, Tischen und Regalen und Stühlen zu übersetzen. So wurde seine aufrüttelnde Arbeit zu einem sehr gelungenen Stück Dokumentartheater; virtuos gespielt, informativ, unterhaltsam, schockierend und keine Sekunde langweilig.
Birgit Schmalmack vom 4.6.26

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