Waiting for Godot, Ernst Deutsch Theater
Waiting for Godot, EDT
Hamburger Kammerballett
Zwei Freunde, die sich necken und unterstützen
Zwei abgestorbene Bäume und ein paar Felsbrocken auf der Bühne. Die Ausstattung verrät: Wir warten auf Godot. Ein Mann mit Melone und nacktem Oberkörper liegt auf dem Boden. Seine Füße mit den derben Stiefeln scheinen nicht zu ihm zu gehören. Sie führen ein Eigenleben, das er vergeblich einzuschränken versucht, bis er sie so lange dreht, dass sie abfallen, bzw. natürlich nur seine Stiefel. Sein Kumpel, ebenfalls mit Melone, aber fast zwei Köpfe größer, kommt hinzu. Zusammen bilden sie ein Gespann, das allerlei Späße, Provokationen und Neckereien miteinander betreibt. Sie brauchen sich, zum Teil auch um sich fortzubewegen. Dann verknoten sie sich so, dass sie sich gegenseitig die Beine ausleihen, sich herumwirbeln, sich auf den Kopf stellen oder als ein einziger Körper über die Bühne laufen. Doch wenn Wladimir (Alexandr Trush) nach Estragon (Edvin Revaov) ruft und er sofort herbeieilt, wird deutlich, wer hier der Ansagende ist. Das gilt hier im Besonderen, denn Trush ist derjenige, der spricht. Er gibt seiner Verzweiflung und seiner wahrscheinlich vergeblichen Hoffnung gleichermaßen Ausdruck. Ihr Leben ist arm an großen Ereignissen. Es ist von Gleichförmigkeiten geprägt. Gerade deswegen müssen die Beiden sich die Zeit gegenseitig vertreiben.
Wie die vergeht, machen die Intermezzi der Tänzerinnen deutlich. Mit ihrem Spitzenschuhen-Tak-Tak sind sie lebende Metronome, die mit ihren gleichförmigen Schreitbewegungen wie ein Uhrwerk über die Bühne laufen, ohne eine menschliche Reaktion zu zeigen. In diese Monotonie brechen zwei weitere Männer ein: Erst als Pozzo (Vladyslav Bondar) und sein Sklave Lucky (Valerii Liubenko) ankommen, bekommt ihr Umeinanderkreisen eine willkommene Unterbrechung. Sie ziehen sich hinter die Felsbrocken auf der Bühne zurück und werden zu Beobachtern. Zwischen den beiden Passanten ist das Hierarchieverhältnis eindeutig. Der weiß geschminkte große Lucky hat den kleinen kräftigen Pozzo zu tragen. Mit Schnüren hat er sich seinen Meister auf den Rücken geschnallt und schleppt ihn dorthin, wo auch immer dieser hinweist. Auch im Kontrast zu diesem ebenfalls sehr ungleichen Pärchen erkennen Wladimir und Estragon ihre eigene Schicksalsgemeinschaft noch viel klarer und wie sie ihnen Trost und Unterstützung bieten kann.
Zum Schluss beugt sich der große Revaov herunter und versucht seinen Kopf auf die Schulter seines Compagnons abzulegen, doch es reicht immer noch nicht. Denn Trush ist um so viel kleiner, dass er sich noch zusätzlich auf die Zehenspitzen stellen muss, um seinen Kopf aufzufangen. So ist dieses Schlussbild eines, das deutlich macht, dass Wladimir und Estragon hier in der Adaption des Hamburger Kammerballetts nicht nur Streithähne, sondern auch Freunde sind, die sich so gut kennen, dass sie gelernt haben mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen umzugehen. Sie necken und provozieren sich, aber sie unterstützen sich auch immer wieder. Das ist die neue Farbe, die sie der Vorlage in ihrem „Waiting for Godot – In the small moments we live“ hinzugefügt haben. Sie betrachten die vielen kleinen Augenblicke, die das Leben ausmachen. Auch für das zweite Männerpaar finden sie eindrückliche Bilder. Dagegen fallen die Ausdrucksformen für die Tänzerinnen sehr sparsam aus und sind mit einer durchgehend rein passiven und dienenden Haltung unterfüttert. Da hätte man sich 2026 durchaus etwas mehr Gestaltungsspielraum auch für weibliche Rollen gewünscht.
Birgit Schmalmack vom 14.7.26
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