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Fury, Kampnagel

Fury, Kampnagel

Christian Martin

Der sorgsam gespaltene Zankapfel



Was macht Gemeinschaften aus? Was bewegt sie, was spaltet sie, was versöhnt und vereint sie? Wie reagieren sie in Konflikten? Diesen Fragen versucht das neue Stück vom Hamburger Performancekollektiv SKART & Masters of the Universe „Fury“ unter Regisseur Mark Schröppel
nachzugehen. Dazu versammelt das Team in der K1 auf Kampnagel eine Reihe merkwürdiger Gestalten auf der Bühne. Sie tragen viel mit sich herum. Ihre zusammengepatchte Kleidung ist mit vielen aufgeschnürten Decken und Kissen versehen. Diese sind zugleich Belastung wie auch Schutz. Manches kann so abgefedert werden, manche Bewegungsfreiheit ist aber auch eingeschränkt. Näherkommen ist auf diese Art auch schwierig, aber Verletzungen ebenso.

Die Gestalten treffen sich unter zahlreichen Maibäumen. So können sie wieder in einem Ritual zusammenfinden, auch wenn einer von ihnen gerade Traumatisches wiederfahren ist. Einer Frau wird eine Vertraute entrissen, die danach zwischen vier Seile gespannt und auseinandergezerrt worden ist. Der markerschütternder Schrei der Frau hallt durch den Raum, doch kurz darauf finden sich schon wieder einige von ihnen zu einem Tanz unter dem Maibaum zusammen. Auf einem Luftbett sitzt derweil ein buntes Männchen (Günter Reznicek) mit geringelten Socken und erzählt. Denn eine Gemeinschaft braucht Narrative und Erzählungen über sich selbst. Die beruhigende Stimme schwebt über dem verstörenden Geschehen auf der Bühne und lullt alles in ihren sanften Klang ein. Die Gestalten auf der Bühne lassen sich leiten und werden wie von einer größeren Kraft gesteuert. Sie selbst haben keine Stimme, denn ihr Märchenonkel zeichnet ihre Geschichte vor.

Das inklusive und altersgemischte Team von SKART & Masters of the Universe hat wieder einmal eine ganz eigene Welt auf der Bühne entstehen lassen. Es ist eine archaische, brutale und dennoch tröstliche Welt entstanden. Sie zeigt die ganze Bandbreite von menschlichem Verhalten. Wird es nützen, zu wissen, ob in dem Zankapfel vor dem sorgsamen Zerteilen schon ein Wurm vorhanden war? Oder dient dieses Wissen nur dazu, von den nicht veränderbaren Verhalten von Gemeinschaften abzulenken? Ist das ganze Gewese um Moral, Psychologie und Vernunft überflüssig, weil der Mensch doch bloß von seinen Bedürfnissen und Instinkten geleitet wird? Und die kennen kein Schwarz und Weiß, sondern nur einen Kreislauf aus zweckgebundenen Handlungen, deren Sinnhaftigkeit erst durch die Gesellschaften, in denen sie geschehen, definiert werden. Die Erklärungen und Rechtfertigung für sie gibt es erst durch den Erzähler auf dem Luftbett. Es ist ein rätselhafter ein verschreckender und dennoch auch ein lustiger Abend, geworden. Denn als die Gemeinschaft ihren Märchenonkel auf seinem Luftbett mit langen Seilen herumwirbelt, scherzt er darüber, ob er nun zum Joghurt links oder rechts herumgerührt werden würde. Großes Gelächter im diversen Publikum. Und großer Applaus für die prall gefüllte 60 Minuten Performance.

Birgit Schmalmack vom 3.6.26

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