Deutschstunde, Ohnsorg
Deutschstunde, Ohnsorg Theater
Oliver Fantitsch
Zwischen Widerstand und Pflichterfüllung
Mit zögerlichen Schritten misst Siggi (Flavio Kiener) seine Zelle aus. Hier soll er seinen Strafaufsatz zu den Freuden der Pflicht verfassen. Er darf sie so lange nicht verlassen, bis er ihn fertig gestellt hat. Doch wo soll er beginnen, wie die Ereignisse strukturieren? Mit kleinen Kreidestücken malt er seine Entwürfe auf den schwarzen Boden und verwischt sie schnell wieder. Doch eines ist ihm klar: Im Mittelpunkt seiner Erinnerungen steht sein Vater ((Oliver Warsitz): Der Polizeiposten Jepsen von Rugbüll an der Nordseeküste soll das Malverbot, das Berlin über seinen Schulfreund und Maler Max Ludwig Nansen (Ulrich Bähnk) verhängt hat, überwachen. Jepsen ist niemand, der Befehle in Frage stellt. Er erfüllt seine Aufgaben, er tut nur seine Pflicht, er stellt keine Fragen. Seinen Sohn Siggi will er genau in diesem Geiste erziehen, um aus ihm einen brauchbaren Menschen zu machen. Darin ist er sich mit seiner verhärmten Frau Gudrun (Birte Kretschmer) ganz und gar einig. Mit ihren anderen Kindern haben sie bisher nicht so viel Erfolg gehabt: Der kluge Sohn Klaas (André Lassen) ist ein Deserteur. Die lebenslustige Tochter Hilke (Nele Larsen) hat sich mit einem mittellosen Musiker verlobt. Doch auch Siggi hat seine Geheimnisse. Er versteckt den Bruder in seiner Mühle, er raucht heimlich mit seiner Schwester und er sichert die Bilder des Malers, um sie vor der Vernichtung zu bewahren.
Regisseurin Kathrin Mayr entwickelt mit ihrem Ensemble eine hochkonzentrierte Fassung des 600-Seiten Romans von Siegfried Lenz, die in ihren Bann zieht. Sie teilt dafür die Bühne in zwei Ebenen. Unten an der Rampe ist Siggis Zelle, hinter ihm auf einem schrägen Podest spielen sich die Ereignisse in seiner Erinnerung ab. Dort treffen alle Figuren aus seinem Strafaufsatz in einer gemalten Landschaft zusammen. Der joviale Maler, dessen zugewandte Frau, seine strenge Mutter, seine liebenswerte Schwester, ihr Verlobter und über allem sein pflichtbessener Vater, der sich gerade im Kontrast zum widerständigen Maler im Laufe des Krieges immer mehr in seiner Haltung versteift, Recht zu haben und es auch vertreten zu müssen.
So ist Mayr am Ohnsorg Theater eine hervorragende Arbeit gelungen, die ohne das stimmige Bühnenbild von Anike Sedello und das tolle Ensemble nicht möglich gewesen wäre. Sie erlaubt auf der Ebene eines kleinen Dorfes ein Einfühlen in die Menschen und ihre Beweggründe. Sie zeigt die Entstehung von Traumata, die sich bis in die nächste Generation weitertragen. Ein absolut sehenswerter Abend im Ohnsorg Theater.
Birgit Schmalmack vom 27.4.26
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