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Baracke, Thalia

Baracke, Thalia

© Katrin Ribbe

Das Politische des Privaten

Was ist das, die Liebe? Wie entstehen Beziehungen? Gibt es die Wahrheit in Bindungen? Oder konstruiert sich qua System ein Geflecht aus Lügen? Ist die Gleichung Ich-Du-Wir nicht eine Illusion, die zwangsläufig im Unheil enden muss?

Dabei fängt es doch meist so zwanglos an, auf einer Party, mitten im Feiern des Augenblicks gibt es diese Ich-Du-Attraktion. Die Beiden glauben da noch, sie seien etwas ganz Besonderes, sie würden sich ihr spezielles Einverständnis erhalten können. So auch Bea (Maike Knirsch) und Ramin (Marius Huth). Doch schon ihre ersten ernsthaften Kommunikationsversuche sind zum Scheitern verurteilt. Wenn Ramin ganz harmlos fragt: „Kennst du das?“, echauffiert sich Bea über den fehlenden Kitzel durch das Neue und Unbekannte. Wenn sie ihm dagegen ihre Liebe gestehen will, schweigt er hartnäckig und verweigert die Responsivität, die sie von ihm erwartet. Schon in diesem Anfangsstadium ist klar: Die werden nicht lange eine glückliche Einheit bilden können.

So zieht es Bea bald zu Uwe (Hajo Tuschy) hin, der ihr im Gegensatz zum Softie-Ramin als zupackender Mann erscheint. Sie landen, wie vorhersehbar, in der Verwandlung dieser unverbindlichen Zweierkiste in einer Familie. Doch wer will sich eigentlich schon Kinder anschaffen? Freiwillig? Dennoch passieren sie einfach. Und die Folge ist diese grenzenlose Herausforderung zur Verausgabung und zur Selbstverleugnung. Ständig konfrontiert mit dem Willen dieses kleinen Tyrannen, ganz im Jetzt zu sein. Die Frau erträgt, sorgt und kümmert sich dabei und der Mann rastet von Zeit zu Zeit aus. Doch die Frau liebt, versteht und bleibt. Doch wohin mit all der Enttäuschung, mit der Wut und der Trauer?

In seinem Stück „Baracke“ untersucht der Autor Rainald Goetz die biederbürgerliche Vorstellung von Liebe und Familie, die schon immer Risse aufwies. Er hinterfragt die Idylle, die Regisseur Stefan Pucher in eine angekokelten Kinderstube (Bühne: Barbara Ehnes) hineinstellt. Obwohl die Familie es mittlerweile aus der thüringischen Kleinstadt in eine schicke Dresdener Villa geschafft hat, sind ihre gewaltvollen Beziehungen mit umgezogen und höhlen ihr Familienleben aus.

Die Wurzeln allen Unheils liegen also in der kleinsten Terrorzelle der Gesellschaft, in der Familie. Hier werden die Samen der Gewalt gesät und gepflegt, die sich hinter der gutbürgerlichen Fassade verbergen. In dieser zwischenmenschlichen Phase der Annäherung, der naturgemäßen Grenzüberschreitung der Distanz- und Intimgrenze des Anderen, des noch Unbekannten, immer den offenen Konsens herzustellen, sogar zu verbalisieren? Im Setting einer alles konformierenden Hochzeitsfeier diskutieren die Hochzeitspaare über ihre Erfahrungen mit dem leidigen Verliebtsein, der Liebe und mit dem Sex. Herrlich larmoyant, herrlich skurril. Und eine Reminiszenz an den ersten legendären Auftritt von Goetz in Klagenfurt.

Exemplarisch steht diese Familie im Mittelpunkt dieser Versuchsanordnung, um Goetz‘ These der Entstehung von Gewalt in der kleinsten Terrorzelle auf die Probe zu stellen. Denn er zieht nicht nur die Verbindungslinien von diesem privaten Unglück und der intimen Gewalt ganz allgemein zu gesellschaftlich-politischen Aggressionen, sondern direkt zu der Thüringer NSU-Terrorzelle, die deutschlandweit Morde an Migranten verübte. Dazu stellt Pucher die vermeintliche gute Kinderstube unter den Einfluss der immer präsenten Bildschirme, über die Ego-Shooter-Games und Nachrichtenbilder flirren.

Es ist ein anstrengender, verstörender Abend, den Pucher dem Publikum zumutet. Er verweigert sich – Goetz folgend - einer stringenten Handlung, auch wenn er immer wieder Szenen einbaut, die den Rückzug in die private Familiengeschichte nahelegen. Doch sogleich in der nächsten durchbricht er diesen Ansatz wieder und macht klar, dass das Private höchst politisch ist. Die Duldung von Gewalt im Kleinen legt die Wurzeln für die Gewalt im Großen.

Birgit Schmalmack vom 2.5.26

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