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Leichter Gesang, DT

Leichter Gesang, DT

Foto: Jasmin Schuller

Herz-Licht Will-kommen!

„Herz-Licht Will-kommen! Herz-Licht ist das Licht von dem Herz. Will-kommen ist, was kommen will", so werden die Zuschauenden von Sebastian Urbanski begrüßt. Das ist auch die Einladung an die anderen bunten Gestalten, die zu ihm auf die Bühne strömen. Alle in gleichförmige knallfarbene Kleider aus dickem Stoff zu weißen Socken in schwarzen Badelatschen. Sie werden an diesem Abend in der Kammer des Deutschen Theaters versuchen der Sprache auf die Spur zu kommen, indem sie sie in ihre Bestandteile zerlegen, um wirkliches Verstehen zu ermöglichen. Statt leichter Sprache versuchen sie den Leichten Gesang. Denn ihre sprachanalytischen Spiele bringen die Worte zum Klingen.

Was die Autorin Nele Stuhler hier in Zusammenarbeit mit dem Regisseur FXMayr und Ensemblemitglieder von Ramba Zamba und vom Deutschen Theater erarbeitet hat, ist ein höchst spielerisches, selbstironisches, witziges und hintergründiges Experiment, das als leichtes Spiel anfängt und in dadaistische Sprachdekonstruktionen mündet. Es inkludiert auch gerne Blödsinn, der sich als Unsinn verkleidet, um dann überraschend Sinn zu entfalten. Die Gemeinschaft, die sich hier aus den beiden unterschiedlichen Theater-, Kunst-, Körper- und Sprachpraxen der beiden Ensembles bildet, wird zu einer Bereicherung nicht nur der Ausdrucksformen, sondern auch der Verstehensebenen. Der liebevolle Umgang innerhalb des Teams transportiert sich bis in die letzten Zuschauerreihen. Inklusion wird hier nicht behauptet, sondern umgesetzt. Wenn man sich gegenseitig versucht, Begriffe zu erklären, wird ein Tisch zu einem Brett mit Beinen. Ein Sitz zu einem zweifachen Knick des Körpers. Doch unvermittelt landet man vom Sitz beim Besitz, den man mit dem Besetzen eines Platzes für sich gewinnen kann. Flugs werden die Folgen ausprobiert, wenn sich einer der Spielenden auf den Sprecher setzt. Besitzt er ihn jetzt? Und was passiert, wenn die anderen der Gruppe sich dazugesellen?

Ein Bus ist ein kurzes Auto. Auf den warten sie, so haben sie zu Beginn festgestellt. Doch dann muss einer von ihnen etwas klarstellen: Der Bus ist nur ein Bild. Und plötzlich ist man wieder in der Metaebene gelandet. Schließlich sind wir hier im Theater. Wenn Natalie Seelig weitere Begriffsklärungen versucht, vergewissert sie sich immer wieder bei der Gruppe: Alles klär? Eifrig nicken alle, um gleich danach die nächste Frage aufzuwerfen. Das Verstehenwollen endet an diesem Abend nie, ganz im Gegenteil, es dreht immer weitere Kapriolen.

Als Caner Sunar dann seine Überlegungen zum Schrank beginnt, wird klar, dass es heute für alles einen Schrank gibt. Die Menschen von heute wollen alles einsortieren, damit Ordnung in ihrem Leben herrsche. Dabei stellt er allerdings fest, dass diese Ordnung nicht zu seiner Verortung geführt hat. Die anderen nicken verständnisvoll.

Bis Jens Koch zu einem wahrhaft klangkünstlerischen Monolog ansetzt, der in bester dadaistischer Tradition aus Buchstaben Wörterkreationen entstehen lässt, die zwar an bestehende erinnern, aber ihren Sinn eher erfühlen als verstehen lassen. Da ist wirkliches Zuhören gefragt.

Doch irgendwann braucht jeder und jede eine Mütze voll Schlaf. So bettet Natalie Seelig die Spielenden alle unter Decken auf einem Bett, das sachte von der Bühne geschoben wird. Nur eine braucht keine Pause. Nele Winkler weigert sich. Ihre Sprachforschungen gehen weiter. Sie hat sie in einem Heft notiert, aus dem sie vorliest. Bis auch sie zugibt, ein kurzes Nickerchen wäre nun gut und umfällt. „Das wars fürs erste, danke Anke!“ bedankt sich daraufhin Franziska Kleinert.

Ein toller Abend, der das Hingehen unbedingt lohnt. Er ist einladend, umarmend, überraschend erhellend und zum immer wieder zum laut Auflachen. Doch an höchst unterschiedlichen Stellen. Denn er ist keiner, der auf Gags abzielt, sondern die Absurditäten des Menschlichen so liebevoll zeigt, dass es eine Freude ist, dabei zuzusehen, wie das Produktionsteam sich auf dieses Experiment eingelassen und das Publikum dazu eingeladen hat. Wobei "Einladen", wie man erfährt, mit "Ein-Laden" zu tun hat, der ein "Geschäft" ist, zu dem, was "geschafft ist". Und das hat dieses kreative Team hervorragend geschafft.

Birgit Schmalmack vom 9.4.26

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