hamburgtheater

..... Kritiken für Hamburg seit 2000

Die drei Leben der Hannah Arendt, DT

Die drei Leben der Hannah Arendt, DT

© Jasmin Schuller

Denken, Lieben, Handeln

Die drei Leben der Hannah Arendt. DT

© Jasmin Schuller

Nicht nur drei Leben der Hannah Arendt, sondern fünf Hannahs gibt es hier an diesem Abend. Auch alle Männerfiguren in Arendts Leben werden hier von den fünf Schauspielerinnen (Mareike Beykirch, Abak Safaei-Rad, Daria von Loewenich, Julischka Eichel) gespielt. Hannah Arendt bewegtes Leben, Denken, Lieben und Handeln wird unter der Regie von Theresa Thomasberger am Deutschen Theater zu einem Stationenspiel, in dem sich ihre Biographie mit dem legendären Gaus-Interview verschränkt. Immer wieder kehren die Hannahs in den Lehnstuhl am Rande der Bühne zurück, um dem Kinderdarsteller des Günter Gaus Antworten auf seine Fragen zugeben. Jede der Schauspielerinnen zeigt dann eine etwas andere Facette der Denkerin. Während Abak Safaei-Rad als erste auf diesem Platz Arendt bis zur Stimme, Gestik und Mimik möglichst genau nachahmt, zeigt zum Beispiel Daria von Loewenich als frühere Version eine vor Neugier übersprudelnde junge Frau, die in Paris trotz der Schwierigkeiten des neuen Umfelds das Leben auskosten will. Svenja Liesau ist die ganz junge Hannah, die schon als 14-Jährige den ganzen Kant liest, um die Welt zu verstehen. Sie verkörpert die kindlich-jugendliche Hannah in Königsberg, der bald klar wird, dass sie rausmuss um weitere Erkenntnisse zu sammeln. Sie geht zum Studium nach Marburg und trifft dort auf Martin Heidegger. Er ist so beeindruckt von diesem intelligenten wie selbstbewussten und kecken Mädchen wie sie von ihm und so startet eine Liaison zwischen dem fast doppelt so alten und verheirateten Professor und der Studentin. Später wird dieser Heidegger mit seinen Reden und Schriften den Nationalsozialismus unterstützen. Doch in Marburg eröffnet ihr dieser Intellektuelle neue Denk- und Liebeswelten.

Bei ihrer Zwischenstation in Berlin wird der 28.1.1933 zum Wendepunkt. Der Reichtagsbrand macht ihr klar, dass sie fliehen muss. Sie landet in Paris, dort trifft sie nicht nur auf Walter Benjamin, sondern auch auf Heinrich Blücher, ihren späteren Mann. Doch egal, welchem dieser Männer sie begegnet, in diesem Abend bleiben alle nur Karikaturen ihrer selbst. Keiner soll heute der Frau, um die es sich hier dreht, die Schau stehlen. Selbst Günter Gaus wird hier von einem bebrillten Jungen im Anzug gegeben und stellt somit als tiefgründig fragender Journalist keine Konkurrenz dar. Heidegger ist in seinem militärisch und autoritär auftretenden Macho-Gehabe kein Mann, dem frau eigentlich Attraktivität attestieren könnte. Benjamin in seinem schimmernden hellblauen Anzug wirkt wie aus der Zeit gefallen und schon der Welt enthoben, lange vor seinem Selbstmord. Intensive Gespräche kommen hier kaum zustande. Blücher dagegen hüpft jovial, unbedarft und Optimismus versprühend über die Bühne und witzelt mit der jeweiligen Hannah herum.

So werden die Stationen von Hannahs Leben zwar nachvollziehbar nachgespielt, aber die intellektuelle Schärfe kommt erst im letzten Drittel ins Spiel. Dann sind die fünf Hannahs auf der letzten Station in New York unter sich und diskutieren über die Bühne verstreut, mal in einem der nun verschobenen Lehnstühle, mal am Rand eines U-Bahn-Schachtes sitzend, die Thesen der Philosophin, die diese Bezeichnung für sich selbst ablehnte. Hier werden Zitate aus ihren Büchern zur Banalität des Bösen und zur Entstehung von totalitären Systemen unter den Frauen diskutiert. Hier merkt man, wie aktuell ihre Gedanken immer noch sind. Wenn etwa von ihr genau analysiert wird, wie zuerst von einem autoritären Regime die Definition von Wahrheit und Lüge in Frage gestellt wird. Was nun wahr ist, sei dann nur noch eine Frage der Macht. Hier werden auch kurz ihre höchst umstrittenen Thesen zum Eichmann-Prozess gestreift. Unter den fünf Frauen entsteht dann eine sehr lange Pause, als die gerade amtierende Hannah mit den Vorwürfen aus der Öffentlichkeit konfrontiert wird. Schließlich entgegnet die sonst so schnell antwortende Frau bloß, dass sie nicht verhindern könne, dass manche sie missverstehen.

Am Schluss kommt ihre amerikanische Freundin Mary McCarthy zu Wort. Sie bescheinigt Hannah eine Bühnenqualität, die sonst nur wenige Intellektuelle gehabt hätten. Damit sei sie der Schauspielerei schon sehr nahegekommen. Sie sei nicht nur in verschiedene Rollen geschlüpft, sondern hätte auch den Show-Effekt, den gute Bühnenauftritte bräuchten, stets geliefert. Doch die allerletzten Worte gehören der so Beschriebenen selbst. Es sind die letzten Sätze aus dem Gaus-Interview, die filmisch festgehalten sind. Ein Agieren in der Welt sei nur im Vertrauen auf die Menschlichkeit möglich, die allen Menschen zu eigen wäre. Da spürt man unter den Zuschauenden in der Kammer des Deutschen Theaters ein raunendes Innehalten und anschließendes Verstehen, was diese Frau so besonders machte. Ihr unerschütterlicher Mut, ihr Festhalten am Hinterfragen und ihre Weigerung, ihren Glauben an die Radikalität des Guten zu verlieren. Denn das stellt dieser Abend auch klar: Das Böse sei nie radikal, sondern in dem Sinne banal, dass es oberflächlich und nie tiefsinnig sein könne.

Birgit Schmalmack vom 10.4.26

Zur Kritik von

hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000