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Make love not war, Gorki

Make love not war, Gorki

Foto Ute Langkafel MAIFOTO

Selbsterklärte Tinder-Friedenaktivistin 


Orit Nahmias bekommt das Wort kaum über die Lippen. Ja, sie sei Israelin. Doch: "Seht mich heute Abend nicht als Israelin. Seht mich als Sexobjekt." Obwohl sie die Politik von Israel kategorisch ablehnt und lautstark kritisiert, werde sie mit dem Land, das einen Genozid vollzieht, in einen Topf geworfen. Aber an diesem Abend soll es ja gerade nicht um den Krieg gehen, sondern um die Liebe, erinnert sie sich selbst. Obwohl ihre anscheinend gerade zu Ende gegangen ist, denn ihr Mann hat sich von ihr getrennt. Doch sie praktizieren das Nest-Modell, das sie bereitwillig erklärt. Ihr gemeinsamer Sohn bleibt in der Wohnung und die beiden Elternteile ziehen wechselweise dazu. Die übrige Zeit versucht Nahmias die entstandene Liebeslücke zu füllen. Man könnte schließlich nicht immer masturbieren.

Ihr schwuler Freund hat ihr dafür ein paar Tinder-Tipps gegeben. Doch die helfen ihr nicht viel. Gleichaltrige Männer findet sie nicht. Die wollten immer wesentlich jüngere daten. Dafür bekommt sie etliche Matches mit 26-28-Jährigen. Viele wollen auf keinen Fall eine Israelin treffen. So wird sie einfach zur argentinischen Paula. Kein Problem, sie sei schließlich Schauspielerin. Diese Fähigkeiten nützen ihr auch bei den sich dann doch ergebenden Dates, um die verschiedenen Wünsche der Männer zu bedienen.

Anekdote reiht sich an Anekdote. Nahmias berichtet von ihren unzähligen Treffen, die nur zu dem einzigen Zweck dienen: möglichst guten Sex zu haben. Als sie von ihrer Therapeutin Frau Marion gefragt wird, ob sie sich denn schütze, beruhigt sie sie: Natürlich bestehe sie auf Kondomen. Nein, hätte sie zumindest ein Pfefferspray dabei? Doch Nahmias weiß ein besseres Mittel. Sie brauche nur drei Worte, um die Männer in die Flucht zu schlagen. „I love you.“

Während Nahmias immer mehr zu der Fucking Bitch mutiert, zu der sie die Männer gerne machen wollten, kann man sich als Zuschauende schon fragen, wer hier wen benutzt. Sooft sie auch betont, dass sie hier ganz zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse die Kontrolle über ihr Liebesleben zurückgewonnen habe, so schleichen sich Zweifel über die abseitigen Wünsche ihrer Sexpartner ein. Da gibt es einen, der eher auf Fesseln und Peitschen steht. Oder jemanden, dem sie ins Gesicht „scheißen“ soll. Dann flacht ihre Soloshow manchmal etwas auf TikTok-Aufreger-Niveau ab.

Doch Nahmias ist eine Könnerin der überraschenden Brüche in diesem Balanceakt zwischen Trash und Ernst. Plötzlich hat sie die absurde Idee, dass ihre Dates der Völkerverständigung dienen könnten. Ganz nach dem Motto „Make Love not war“. Wie kannst du jemanden hassen, mit dem du im Bett warst? Doch auch dieser Gedanke bleibt natürlich bei einer Performerin wie Nahmias ebenfalls nicht unhinterfragt: Was ist, wenn sie unter all den Tattoos eines ihrer Bettkumpanen plötzlich ein Hakenkreuz entdeckt? Und wenn ein russischer junger Mann bei einem Nein von ihr plötzlich in Tränen ausbricht, sich aufs Klo verzieht und seine Mutter anruft? Ersetzt dann Sex sogar eine Therapie? Wird sie nicht nur zur Friedensaktivistin, sondern auch zur (kostenlosen) Therapeutin?

Doch am stärksten sind die Momente, in denen Nahmias die Stimme vor Rührung bricht. Wenn sie merkt, dass ihre Gier nach Sex nicht nur mit ihrer Trennung, sondern auch mit der gegenwärtigen Situation in Israel-Palästina zu tun hat. Erfüllt sie eben eventuell nur den überall lesbaren Klo-Spruch „Fuck Israel!“ ? Wohlmöglich nicht nur ihre große Leere wird dann so deutlich, dass sie sich die Tränen von der Wange wischen muss. So ist dieser zu Recht als Stand-Up-Comedy-Show deklarierte Abend zu gleichen Teilen oberflächlich und tiefgründig, Klischee behaftet und Klischees hinterfragend, feministisch und Männererwartungen bedienend. So ist für jeden und jede was dabei. Und keiner muss den Studiobühnenraum verlassen, so wie Nahmias es gleich zu Beginn angeboten hatte, falls jemand sich doch zu stark provoziert fühlen sollte.

Birgit Schmalmack vom 9.4.26

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