Between the River and the Sea, Gorki
Between the River and the Sea, Gorki
© Ute Langkafel MAIFOTO
Vom Kampfraum zum Zwischenraum
Yusuf will nicht über den Krieg reden. Sondern über seine Scheidung. Sein israelisch-palästinensisch-christlich-arabisch-berlinerisches Familienprojekt scheint zum zweiten Mal nicht zu funktionieren. Schon seine erste Ehefrau ließ sich von ihm scheiden. Sie hatte ihn nach Berlin geholt, für ein Theaterprojekt am Gorki. Es ist die Regisseurin Yael Ronen. Mit ihr hat er einen Sohn. Nun hat seine zweite Ehefrau, ebenfalls jüdische Israelin entschieden, dass sie mit der gemeinsamen Tochter wieder zurück nach Tel Aviv will. Doch Yussuf will nicht so leicht aufgeben. Er will seinen Kindern das ersparen, was er selbst erlebt hat. Schon in der Kita in Haifa wurde er von einem Vierjährigen als dreckiger Araber beschimpft. Warum bin ich eigentlich zu einem jüdischen Kindergarten gegangen, fragt er heute seinen Vater. Er lag gleich um die Ecke, ist die Antwort. Also ein kindliches Trauma aufgrund von Faulheit? Das ist seinem Sohn, der in Berlin geboren und aufgewachsen ist, zum Glück nicht passiert. Er lebt in seiner internationalen Berliner Bubble und kennt nicht einmal das Wort für Antisemitismus. Nun soll seine Tochter wieder zurück in ein Israel, gegen das er etliche Demonstrationsschilder mit auf die Bühne gebracht hat? Das muss doch zu verhindern sein. Doch als er eine deutsche Anwältin aufsucht, rät die zum Schärfen der Waffen. Noch mehr Kriegs-Rhetorik, ohne ihn. Er wollte doch gerade die Liebe gegen den Krieg einsetzen. Wer mit seinem so genannten Feind ins Bett steigt, kann ihn nicht mehr hassen. Das ist Yussufs Friedensmission. In Berlin schien sie bisher ganz gut zu funktionieren. Doch nach dem 7. Oktober scheitert er damit mit seinen Freunden in Israel. Sowohl seine palästinensische Freundin Shama wie auch sein jüdischer Freund Daniel kündigen ihm die Freundschaft auf, als er sich weigert klar Stellung zu beziehen. Wo Bomben und Raketen gezündet werden, muss man klarstellen, auf welcher Seite man steht.
Der in Israel zum besten Schauspieler des Jahres gekürte Yussuf Sweid betreibt seine Identitätsanalyse ganz alleine auf der großen Bühne des Gorki. Nachdem die kleine Studiobühne bei seiner Show stets ausverkauft war, ist er nun auf die Große Bühne umgezogen. Auch hier sind die Reihen prall gefüllt. Mit viel Humor, Selbstironie und Herz erweiternder Ausstrahlung lässt er die Zuschauenden teilhaben an seinem Versuch für sich zu klären, wo und wie er sich zu Hause fühlen kann. So hat seine Scheidung sehr wohl etwas damit zu tun, was seit dem 7.10. passiert ist. Doch er hält an seiner Vision der Grenzen überwindenden Liebesbeziehung fest. Und fühlt sich bestätigt, als sein Sohn ihm von einer schulischen Schreibaufgabe berichtet. Seine Utopie von einem friedlichen Nahen Osten liest er zum Ende seiner Soloshow vor. Vielleicht kann eine junge Generation, die in einem internationalen Umfeld aufgewachsen ist, doch noch eine Idee vom Zusammenleben umsetzen, die älteren als völlig utopisch erscheint.
Dieser Abend gibt eine Ahnung davon, wie das gelingen könnte. Indem Menschen wie Sweid sich klaren Stellungnahmen verweigern und ganz im Gegenteil die Ambivalenz der Zwischenräume ausleuchten. Auch die zwischen dem Meer und der See, in einem so umkämpften Gebiet wie Israel/Palästina.
Birgit Schmalmack vom 8-4-26
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