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Goodbye Berlin, VB

Goodbye Berlin, VB

Foto: Thomas Aurin

Tanz auf dem Vulkan?

„Habt ihr ein Thema, über das ich reden sollte?“, fragt Candas Bas ihr Publikum in der Volksbühne. Das ist ungewöhnlich scheu. „Liebe,“ schlägt jemand endlich zaghaft vor. „Sehe ich so aus, als wenn ich über Liebe reden wollte“, kontert Bas sofort. Nein, Chem-Sex sei das Thema in Berlin. Sie listet die verschiedenen Drogensorten auf und die unterschiedlichen Möglichkeiten unter ihrer Einwirkung Sex zu haben. Die Vergnügungssucht im Party-Spot Berlin ist legendär. Doch nicht erst heute. Auch schon vor hundert Jahren gab es dort einen Peak der Entwicklungskurve. Kurz bevor der Faschismus in Deutschland zu Siegeszügen antrat. Gibt es da eventuelle Parallelen? Schon vor einiger Zeit wurde diese These in den Feuilletons eifrig diskutiert.

Nun greift Constanza Macras mit ihrer Show „Goodbye Berlin“ diese These auf. Sie lässt sich dabei von einem gleichnamigen Roman von Christopher Isherwood leiten, der vor seinem Wegzug aus seiner Außenperspektive die Berliner Künstlerbubble der Zwanziger beschrieb. Campell berichtet davon, als er die Showtreppe herunterschreitet. Hinter ihm die Bilder des verwüsteten Nachkriegsberlin. Isherwood blickt hinter die Kulisse. In Szenen aus seinem Roman wird klar: Selbst in Künstlerkreisen hatte man sich schnell mit dem neuen Regime arrangiert und versuchte sich wegzuducken, um nur weiter „Kunst“ machen zu können. Doch Macras belässt es nicht dabei. Sie nimmt auch andere Zeitzeugen bzw. deren Kunstwerke als Zitate mit hinzu. So den „Totentanz“ von Mary Wigman oder Filmszenen aus „Das Blaue Licht“ von Leni Riefenstahl. Wo die eine Bilder für den Untergang findet, zelebriert die Andere das arische Ideal reiner Körperkultur.

Macras erschafft auf der Bühne viele Kippbilder. Sie verschneidet Gegenwart und Vergangenheit ineinander. Wenn auf der einen Seite der blauen Berge Leni Riefenstahls weiße ätherische Gestalten traumtanzen, so zucken in den Metallgestellen auf ihrer Rückseite die Technoergebenen in ihren Lederstreifenkostümen. Während auf der einen Seite die zarten Klänge ertönen, so schmettern auf der anderen die harten Beats. Zwischendurch werden immer wieder die Poolstangen vom Bühnenpersonal hereingerollt. In Glitzerkostümen rekeln sich die Pooltänzer:innen an ihnen empor, bis sie irgendwann erschöpft an der Stange hängen bleiben und ermüdet herunterrutschen.

Doch die Parallelität, die hier behauptet wird, ist fragwürdig. Vor hundert Jahren feierte eine Generation nach einem gerade überstandenen Weltkrieg das Über- und das Weiterleben. Die deutsche Wirtschaft lag danieder. Arbeitslosigkeit und Hunger waren überall sichtbar. Man feierte, um das Jetzt im Moment zu genießen, ohne zu wissen, wie das Morgen sich gestalten sollte. Wie anders ist die Situation heute. Mag auch, wie Macras es hier andeutet, die Katastrophe nicht weit entfernt sein (durch die Szenerie irrt immer wieder eine Kämpferin auf der Suche nach Wasser), findet die Feier heute auf einem vergleichsweise hohen Wohlstandslevel und es sind die Abstiegsängste, die sie anheizen. Doch Macras geht es hier wohl auch um die Warnung an ihre eigene Kunst-Bubble. Einrichten und Arrangieren mit autoritären Regimen sollten Tabus sein. So hat Macras hier ihr politischstes Stück auf die Bühne gebracht. Es steht wie ein Vermächtnis da, zumal es ihr letztes an der Volksbühne sein wird. Unter der Leitung von Matthias Lilienthal wird sie hier nicht mehr inszenieren dürfen.

Macras einmalige Mischung aus mitreißendem Tanz, großen Showtreppeneinlagen, musicalreifen Songs, bunten Kostümierungen und berührenden Soloauftritten, entwirft auf der Bühne ein buntes Kaleidoskop. Die in ihrem Ensemble gelebte Diversität lädt alle ein. Das ist ihr Erfolgsrezept. Das Ergebnis ist mehr ein aufregender Mix als ein stringentes Thesenpapier. Doch das letzte Bild beweist wieder einmal ihr untrügliches Gespür für Timing und Stimmung. Das Ensemble hat sich gegenseitig schwarze Streifen auf die nackte Haut gezeichnet und gestript. Nun zucken sie wie eine Horde von Techno-Skelette während ihrer letzten Atemzüge vereinzelt vor sich hin. Eine noch durchsichtige Spiegelwand wird von der Decke herabgelassen. Langsam geht im Zuschauerraum das Licht an und plötzlich sehen wir uns dort, wo eben noch die Skelette waren. Auch wir zucken, denn die Beats haben die Spiegelwand in Schwingungen versetzt. Das ist ein gezielter Bruch, der das kurz zuvor noch in bester Musical-Manier zelebrierte „Staying Alive“ gekonnt in den Abgrund stürzen lässt.

Birgit Schmalmack vom 5.4.26

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