Zwischen den Gleisen, Opernloft
Im Transfer verschwimmen die Grenzen
Man muss nur einmal auf einem Bahnhof gestrandet sein, um zu beobachten, welche Dramen sich hier abspielen können. Das veranlasste Regisseurin Inken Rahardt zu ihrer neuen 90-Minuten-Produktion im Opernloft. „Zwischen den Gleisen“ spielen sich ihre kleinen und großen Dramen ab. Im Mittelpunkt stehen drei Paare, denen nicht immer ein Happy End beschert ist. Denn Rahardt versucht auch gesellschaftliche Probleme mit einzubauen, die man auf einem Bahnhof beobachten kann. Da stolpert eine Frau (Tamara Felk) mit riesigen Plastiktaschen auf den Bahnhof. Sie ist augenscheinlich geflüchtet, mit hastig zusammengesuchter Habe in ihren gut gefüllten Taschen. Nun ist sie hier auf dem Bahnhof gelandet und weiß nicht wohin. Sie braucht Hilfe und bekommt stattdessen nur Papiere vor die Nase gehalten. „Mein Name ist Frau, meine Augenfarbe von Tränen erfüllt“, singt sie, während die Bahnbeamtin (Marlene Mesa) ihr die Formulare hinhält.
Jemand, der ihr gerne Hilfe anbieten möchte, ist der Imbissbesitzer (Fredrik Essunger) vom Bahnhof. Er unterbreitet ihr ein pragmatisches Angebot: Nicht vielleicht die große Liebe, aber zumindest ein Dach über dem Kopf und ein Platz am Grill neben ihm im Imbissstand. Als er jedoch mehr Mitleid mit einem Mann in Uniform hat, der sich am Bahnsteig von seiner Freundin verabschiedet, nicht wissend, ob sie sich lebend wiedersehen werden, verlässt die Geflüchtete ihren scheinbar so uneigennützigen Helfer.
Das zweite Paar wiederum, der Rekrut (Jeffrey Herminghaus) und seine Freundin (herausragend: Annika Westlund), ist man auf dem Bahnsteig zwischen den Gleisen schon zuvor begegnet. Allerdings in anderer Mission. Sie treiben sich am Bahnhof auf der Suche nach leichten Opfern herum. Sie sind ein Paar, das sich auf Trickdiebstahl spezialisiert hat. Doch das ist ihnen nicht Kick genug. Eine Nase voll weißem Pulver muss zusätzlich immer wieder sein. Das dritte Paar scheint sich zaghaft aus der Bahnbeamtin und einem reisenden Geschäftsmann (Bogil Kim) zu formieren. Unscheinbar beide und gerade deswegen vielleicht das perfekte Paar? Wenn er nur nicht so viel unterwegs wäre.
Rahardt hat ihre Stückentwicklung mit einem Potpourri aus einem reichhaltigen Musikfundus gestaltet. E- und U-Grenzen spielen dabei keine Rolle, einzig die sehnsuchtsvolle Stimmung, die von den Liedern und Arien ausgeht, ist dabei für sie die Richtschnur. „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“ trifft auf „Ein Zug nach nirgendwo“. Glenn Millers Song „Chattanooga Choo Choo“ begegnet so Verdis Arie „O patria mia“ aus „Aida“ und „Be still my soul“ von Sibelius geht in „Lippen schweigen“ aus der Lustigen Witwe von Lehar über.
Diese Übergänge gelingen unter der musikalischen Leitung von Makiko Eguchi hervorragend, die Musikstücke scheinen sich, so unterschiedlich sie auch sein mögen, zu einer Geschichte zusammenzufügen. So bietet dieser Abend ein Mosaik an wunderschönen zu Herzen gehenden Liedern, die in die kleine Welt zwischen den Gleisen entführt. Ihre Geschichten speisen sich aus Alltagsbeobachtungen, die für jeden und jede anschlussfähig sind. Dabei ist es erstaunlich, wie flexibel und virtuos die Musiker:innen und Sänger:innen zwischen den Gesangsstilen hin- und herwechseln. Sie glänzen in jedem Metier und zeigen, dass Musik ohne Genreeinteilungen grenzenlos genießbar ist.
Birgit Schmalmack vom 15.5.26
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