Der Bau, St. Pauli Theater
Der Bau, Burgtheater
Foto Tommy Hetzel
Vertrauen ohne Kontrolle ist schwierig
Tief unter der Erde hat er sich sein Refugium geschaffen, einen Bau aus lauter Gängen und Plätzen. Der Ausgang bzw. Eingang ist nur über ein Labyrinth zu erreichen. In der Mitte des Baus ist ein Burgplatz angelegt, so geräumig, dass dort alle Vorräte bequem zu überblicken sind. Er hat kleine Mithelfer, die Röhren für den Luftaustausch anlegen. Das Einstiegsloch ist unter einem Moosdach verborgen. Er liebt diese Stille, diese Abgeschiedenheit. Noch ist es still hier unten. Noch, denn er fürchtet sich ständig, dass seine Ruhe und Sicherheit hier unten nicht von langer Dauer ist. Hatte er sich doch zurückgezogen, um seine eigene Sicherheit zu garantieren, so kreist nun sein ganzes Sinnen nur um seine Sicherheitslage und ihre mögliche Gefährdung. Ständig schreckt er auf und verlagert seine Vorräte. Ständig denkt er über mögliche Fluchtwege im Falle eines Angriffs nach. Ständig horcht er nach Geräuschen, die von einem baldigen Angreifer sprechen würden.
Kafka hat mit seiner Berühmten Erzählung „Der Bau“ von einem Tierwesen erzählt, dass sich selbst einsperrt, um nur jeder Gefährdung zu entgehen. So wird sie zu einer Parabel über eine Gesellschaft, die in permanenter Abwehrhaltung befindet vor Risiken, die sie selbst geschaffen hat. Max Simonischek, in Personalunion als Regisseur und Schauspieler, hat daraus einen eindrucksvollen Monolog geschaffen, in dem er alle Gefühlszustände dieses neurotischen Wesens ausleuchtet. Von Freude, Stolz, Erschöpfung, Angst, Panik bis hin zur Verzweiflung zeigt er alles auf der kleinen Bühne, die ihm einzig eine Holzwand und ein Erdhügel zur Verfügung steht. In seinen zerrissenen Klamotten, mit seinem blut- und dreckverschmierten Körper, mit seinen verbundenen Klauenhänden und wirren Haaren ist er halb Mensch, halb Tier. Am Ende dieses ausdrucksstarken Theaterabends war Simonischeks beeindruckenden Leistung der lang anhaltende Applaus garantiert.
Birgit Schmalmack vom 15.6.26
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