De Profundis, Thalia
De Profundis, Theaterfestival
© Jörg Brüggemann
Jeder tötet die Dinge, die er liebt
Zwischen mich und die Kunst passt kein Blatt. Der Mann, der das behauptet, klatscht die Hände zusammen, um zu demonstrieren, wie wichtig ihm die Kunst ist. Das könnte man genauso für den Schauspieler sagen, der diese Worte spricht. Jens Harzer interpretiert den Brief „De Profundis“ von Oscar Wilde so, als würde er erst durch ihn zum Leben erweckt. Er presst die Sätze aus sich hervor, als würde er sie gerade in diesem Moment erdenken.
Wilde schreibt diesen Brief aus dem Gefängnis. Er verbringt dort eine zweijährige Haftstrafe wegen Unzucht. Der Brief ist gerichtet an seinen Geliebten Alfred Douglas, den er als habgierig, oberflächlich und vergnügungs- und prunksüchtig anklagt. Douglas habe ihn gnadenlos ausgenutzt und er habe sich ausnutzen lassen. Nach jeder Trennung seien sie stets wieder zusammengekommen. Doch dieser 50000 Zeilen lange Brief bleibt dabei nicht stehen. Denn die Einzelhaft führt dazu, dass Wilde auf sich selbst zurückgeworfen ist. Er muss sich mit seinem Leiden auseinandersetzen und versucht ihm einen Läuterungsprozess abzugewinnen, um nicht an ihm zu Grunde zu gehen. Sollte in diesem Ende auch ein Anfang liegen? Sollte das Ende seiner Karriere, seiner Reputation, seines Schreibens auch ein Beginn einer neuen Phase seines Lebens sein? Das will er zum Schluss hoffen. Und doch weiß er: „Was jetzt vor mir liegt ist meine Vergangenheit“. So bekennt er mit seinem letzten Satz.
Jens Harzer, der zu diesem Schmerzensmann unter der Regie von Oliver Reese wird, steckt in einer Zelle (Bühne: Hansjörg Hartung) fest. Sie, die auch ein Fahrstuhl in die Ungewissheit oder den Tod sein könnte, schwebt gut einen halben Meter über dem Bühnenboden. Von Neonröhren umrahmt, gibt sie Harzer gut einen Quadratmeter Spielfläche. Die Beklemmung, die Panik, die Unfreiheit, die sich für den Insassen ergibt, ist körperlich spürbar. Harzer steht lange Zeit fast bewegungslos da, nur sein Mund und seine Hände bewegen sich. Dann legt er seinen schwarzen Mantel ab und kauert sich in eine Ecke. Er klemmt sich auf einem Hocker zwischen die Wände, klammert sich an eine Ecke oder legt sich auf den Boden. Er beißt sich die Pulsadern auf. Das Blut fließt auf seine Unterarme, beschmutzt sein weißes Hemd. Er spricht zu dem Bild seines Geliebten, das mit einem Tape an die Wand gepinnt ist. Er zeichnet mit einem Kohlestift Linien auf die Gefängniswand, die die zaghafte Verbindung zu dem Foto wagen.
Harzer lässt die Worte aus sich herausströmen, manchmal stockt er, lässt Gedankenstriche zu langen Pausen werden, als wenn er selbst nicht wüsste, wohin ihn seine Assoziationen gleich führen würden. Harzer schenkt sich und dem Publikum nichts. Dieser fast zweistündige Monolog ist ein Kraftakt. Am Ende ist er völlig durchgeschwitzt und ausgezehrt. Beim donnernden Schlussapplaus hängt er wie ein Fragezeichen in der Luft, muss seine Rolle immer wieder durch ein Kopfrütteln von sich abschütteln. Er scheint genauso gerührt wie sein Publikum, das ihn mit Standing Ovations immer noch einmal auf die Bühne holt.
Birgit Schmalmack vom 18.6.26
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