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KANDINSKY vs. KLEE, Lichthof

KANDINSKY vs. KLEE, Lichthof

Foto: G2 Baraniak

Mitten im Klee-Kandinsky-Experiment


Paul Klee und Wassily Kandinsky waren Nachbarn, Freunde und Konkurrenten im Dessauer Bauhaus. Ihre abstrakten Bilder kennt heute fast jeder, ohne jedoch ihre Erschaffer jeweils korrekt erraten zu können. Heute ist das Publikum in ihr Atelier, das im Lichthof Platz gefunden hat, eingeladen.
Doch zuvor wird das Publikum in zwei Gruppen eingeteilt. Die ihnen präsentierte Bilder von Klee und Kandinsky entscheiden über ihre Zugehörigkeit zur roten oder grünen Gruppe. Im Zuschauerraum sitzen sie auf verschiedenen Seiten. Doch gemütliches Zurücklehnen ist heute Abend nicht angesagt. Alle werden ihren Auftritt haben. Selbst die beiden Moderatorinnen sind keine Schauspielerinnen, sondern diejenigen mit der Nummer 1 ihrer Künstlergruppe. Mit einem Knopf im Ohr flüstert ihnen ihr Künstler-Alter Ego, also Klee oder Kandinsky, ihren Text ins Ohr.

Die Maler haben praktischer Weise während ihrer gemeinsamen Zeit in Dessau für ihre Art des Arbeitens eine schrittweise Anleitung entworfen. Die dürfen die Zuschauenden jetzt selbst ausprobieren. Wird so ein gemeinschaftliches Bild entstehen? Jede Seite hat dazu eine weiße Leinwand zur Verfügung, die sie im Laufe des Abends gestalten darf. Jeden der 13 Schritte führen jeweils zwei bis vier Zuschauende auf der Bühne gemeinsam aus. Da geht es von den Farben, dem Hintergrund, das Thema, die Linie, das Symbol, das Hinterfragen und das Übermalen bis hin zum Titel und der Signierung. Zum Schluss sind zwei sehr bunte und übervolle Bilder fertig und die Ausstellung ist eröffnet.

Dass die Zuschauenden gerade unbewusst auch an einem Sozialexperiment teilgenommen haben, wird ihnen erst jetzt mitgeteilt. Die Laufschrift über der Bühne verrät: Sie waren Teil des sogenannten „Klee-Kandinsky-Experiments“, das der Sozialpsychologe Henri Tajfel in den 70ziger Jahren erfand. Es sollte belegen, wie extrem leicht sich Menschen in Gruppen einteilen lassen, wie schnell dabei Vorurteile und Bevorzugung entstehen und eine Eigengruppenfavorisierung entsteht.

Jeder Theaterabend von KANDINSKY vs. KLEE im Lichthof ist anders, denn das jeweilige Publikum gestaltet ihn selbst aktiv mit. Am heutigen Abend waren auch Schulgruppen gekommen, die das Anfeuern ihrer eigenen Gruppe mit Eifer betrieben. Harmonische, gemeinsam geschaffene Bilder kamen an dieses Mal nicht heraus, eher zeigten die Ergebnisse, dass die einzelnen Mitwirkenden sich selbst verwirklichen wollten. Den Abstraktionsgrad der 13 Schritte zu erfassen war eine Herausforderung, die wohl auch eine Überforderung war. Das man dennoch das Bild der eigenen Gruppe am Schluss etwas gelungener finden wollte, mag als ein kleiner Hinweis auf die These von Taijel zu deuten sein. Aber: Sind wir tatsächlich zu einer Gemeinschaft geworden? Haben wir zusammengearbeitet? Haben wir Vorurteile bezüglich der gegnerischen Gruppe entwickelt? Das darf man auch noch am Schluss bezweifeln.

Regisseur Franz von Strolchen alias Autor Christian Winkler ist mit dieser Arbeit voll ins Risiko gegangen, denn er verzichtete ganz auf professionelle Schauspielende auf der Bühne. Obwohl die beiden zufällig ausgewählten Moderatorinnen an diesem Abend ihre Sache hervorragend gemacht haben, wären zwei Profis hier eventuell effektiver gewesen. Dann wäre die sehr interessante Freundschafts- und Konkurrenten-Geschichte der beiden Maler, die zwischen den 13 Schritten im Dialogformat angerissen wurde, noch besser zur Geltung gekommen. So geriet sie leider in den Hintergrund. Und die gewollt launigen Sprüche wie „Freunde, jede Farbe ist Scheiße“, die während der Live-Painting-Phasen über das Laufband liefen, kann man wohl als Geschmacksache ansehen.

Doch das alles war vergessen, als alle zum Schluss aufgefordert waren, sich auf der Bühne und in die Ausstellung zu begeben. Auch die entstandenen Bilder der vorherigen Abende wurden nun enthüllt und ein reger Austausch entstand. Dabei war es jedoch völlig egal, wer welche Klebepunktfarbe auf seiner Kleidung hatte. Das gemeinsame Erlebnis stand im Vordergrund.

Birgit Schmalmack vom 7.6.26

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