Krassfestival 2026, Kampnagel

Stadtbild, Krassfestival

Foto: Armin-Smailovic

Solidarität statt Ausgrenzung


Nino Haratischwili hielt zur Eröffnung des diesjährigen Krassfestivals auf Kampnagel ihre "Rede zur Demokratie", die sie anlässlich des 9.11.25 schon in Leipzig gehalten hatte. Haratischwilli spricht über die lang gehegte Vorstellung einer moralischen Überlegenheit der westlichen über die restliche Welt, doch diese Grenze scheint ihrer Ansicht nach nicht mehr existent zu sein. Die klare Linie zwischen der ersten und der zweiten Welt, zwischen Demokratie und Autokratie, zwischen Rechtsstaat und den korrupten Staatsystemen weiche an vielen Stellen der Welt bedrohlich schnell auf. Lange hätte der Osten der Illusion angehangen, dass gerade Deutschland aus seiner totalitären Vergangenheit so bitter gelernt hätte, dass sie es daran hindern würde, jemals auch nur einen Zentimeter von den heilig beschworenen demokratischen Pfaden abzuweichen. Doch eine Partei wie die AfD zeige, wie stark die Risse sind. Womöglich begreife der Osten viel klarer, in welch einer Lage sich die Demokratie aktuell befinde. Doch Europa ist der Glaube an die Möglichkeit der Demokratie und Vielfalt. Dafür lohne jeder Einsatz. Die Kraft dazu entstünde aus der Gewissheit das zu tun, woran man wirklich glaubt, und dafür zu kämpfen, wofür man wirklich einsteht.

Festivalleiter Branko Simic will mit seinem Stück „Stadtbild“ einen Gegenpol der Solidarität zu aktuellen, oft ausgrenzenden Debatten setzen. Dafür arbeitet er mit der Choreographin Mona Farivar und einem Team aus jungen Tänzern und internationalen Parkour-Läufern zusammen. In einem Mix aus Hip-Hop, Parkour und Musik entsteht in einer wandgroßen Projektion von Filmaufnahmen des Hauptbahnhofes und der angrenzenden Fußgängerzonen ein buntes Bild einer Stadtgesellschaft, die zu einem Wir wird. Wie in einem Wimmelbild rollen, scaten, tanzen und springen die Performer zunächst über die Bühne. Doch schnell wird es ernster. Ein streng blickender Kontrolleur will die Fahrscheine sehen. Hektisch fangen die Tänzerinnen an zu suchen. Jeden Zentimeter ihrer Kleidung und ihres Körpers nehmen sie akribisch unter die Lupe. Doch vergeblich. Erst in ihren Schuhen werden sie fündig. Wie schnell ein fehlendes Papier zu einem Problem werden kann, macht diese kleine Szene deutlich.
Eine Bank wird zu einem Platz, auf dem Zwei sich finden und näherkommen können. Die Wände vor den leuchtenden Filmaufnahmen reihen die Performer sich auf. Mal sehen sie wie an die Wand geklatschte Insekten aus, mal formen sie sich zu einer selbstbewusst schreitenden Gemeinschaft, die bis auf die Tribüne sich ihren Platz erobert. Diese Arbeit zeigt von Allem etwas. Spaß an der gemeinsamen Bewegung, Stress mit den Behörden, Ausgeliefertsein und Stärke durch Solidarität.

Mit einem echten Luxusproblem schlägt sich die junge Frau in „Wunschlos unglücklich“ auf der Bühne herum. Was werden ihre linken Freunde von ihr denken, wenn sie erfahren, dass die neue Wohnung nicht gemietet, sondern geerbt ist? Wenn sie von einer Hausbesetzerin zu einer Hausbesitzerin geworden ist? Sie hat sich von ihren Freunden beim Umzug helfen lassen und sitzt nun, an sich selbst zweifelnd und ihr Selbstverständnis überprüfend, zwischen den noch unausgepackten Kartons. Wird sie alle sozialen Kontakte verlieren, wenn ihre Anarchokumpels hinter die Täuschung kommen? Oder kann sie eine gute, gerechte Reiche werden? Die Autorin, Comedienne und Social-Media-Satirikerin Toxische Pommes schaut in ihrer theatralen Solo-Performance tief in die Seele von woken linken Millennials und offenbart pointensicher die Doppelbödigkeit ihrer sich moralisch überlegen gebenden Haltungen. Wie schnell diese ins Wanken geraten, wenn sich die Chance zum Klassenwechsel ergibt. Diese diskurserfahrene Generation findet ebenso mühelos Argumente für eine vegane Ernährung wie für die Legitimität von nicht selbst erarbeiteter Eigentumszuwächse.
Birgit Schmalmack vom 8.3.26





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