Atlas, DSH

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Copyright ©: Maris Eufinger

Gesteuerte Diskursverschiebung


Liegt es nur an den Multikrisen, dass eine Krise thematisch komplett in den Hintergrund getreten ist? Während vor kurzer Zeit die Klimaveränderung noch im Fokus der Gesellschaft gestanden hat, kommt sie zurzeit kaum noch vor. Das könnte auch an einem Netzwerk namens Atlas liegen, das sehr viel Erfahrung in Sachen Diskursverschiebung vorzuweisen hat. Dessen Methoden widmet sich der Recherche-Theater-Abend von Regisseur Calle Fuhr in Kooperation mit Correctiv.

Frühe Erfolge feierte Atlas im Hinblick auf den Tabakkonsum. Als in den Sechzigern zahlreiche Studien zu den gesundheitlichen Schäden, die der Tabakkonsum hervorruft, herauskamen, entwickelten sie zusammen mit den Tabakkonzernen eine wirksame Gegenstrategie. Sie säten Zweifel, indem sie vereinzelte Wissenschaftler auftaten, die das Gegenteil behaupteten. So konnten sie beweisen, dass die Wissenschaft keineswegs einig war. Genau dieselbe Strategie wandten sie für die Erdölkonzerne an, als die ersten Klimahochrechnungen bei weiterer Verbrennung fossiler Energieträger herauskamen. Sie beauftragten Wissenschaftler oder Institute mit Gegengutachten, die die Gefahr relativierten.

Klar, in den USA, in Argentinien, könne so etwas vorkommen, aber doch nicht in Europa. Da werden Umzugskartons herangekarrt und die Akten zu den verschiedenen Fällen ausgepackt. Das Atlasnetzwerk hat seine Spuren in allen europäischen Ländern hinterlassen. Natürlich auch in Deutschland. Als Beispiel dienen die beiden Podcaster Lars Feld und Justus Haucap, die in einer inszenierten Folge sich gegenseitig ihre Karriere als bezahlter Netzwerker erzählen. Natürlich wechseln sie ihre Haltung je nach Auftraggeber, geben sie freimütig zu. Alles im Rahmen der wissenschaftlichen Ausgewogenheit, versichern sie sich mit ironischem Unterton.

Die vier Ensemblemitglieder (Josefine Israel, Sasha Rau, Maximilian Scheidt, Samuel Weiss) gestalten diese Recherche wie eine Unterhaltungsshow mit kleinen Einspielszenen. Doch man merkt der Inszenierung an, dass es ihr hauptsächlich um den Inhalt geht. Die Theatermittel, die Fuhr hier einsetzt, sind sparsam und einfach, und dienen stets der Vermittlung der Informationen.

Der Abend führt deutlich vor Augen, wie die öffentliche und politische Diskussion und Entscheidungsfindung durch kapitalistische Einflussnahmen manipuliert und gesteuert wird. Und man muss dafür nicht etwa einen trockenen Bericht lesen, sondern erhält ihn während eines unterhaltsam gestalteten Theaterstücks.

Birgit Schmalmack vom 7.3.26

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