Hard Times, Thalia
Hard Times, Thalia
Foto: Krafft Angerer
Poesie gegen Effizienz
Im schimmernden Anzug zu Pumuckelfrisur steht der traurig-gewitzte Clown (grandios: Cino Djavid) auf der leeren Bühne. Er ist der verschmitzte Erzähler, der mit seinen Kommentaren, die stets mit einem Lispeln und Augenzwinkern an das Publikum gerichtet sind und sofort eine Vertraulichkeit erzeugt, den ganzen Abend trägt. Er führt ein in die Szenerie in Coketown, eine Stadt, in der die Luft durch die vielen Fabriken völlig verpestet ist. So werden die Nebelmaschinen zu der einzigen Bühnendekoration. Mal werden sie von den Schauspielern selbst geführt, mal in Vielzahl von der Decke herabgelassen. Doch aus all diesen Rauchgeschwaden schält sich an diesem Abend eine Erkenntnis heraus. Während die Stadt von ihrer Leistungsfähigkeit, Präzision und Effizienz zu leben scheint, wird klar: Ihr fehlt etwas ganz Entscheidendes. Ihr fehlt die Menschlichkeit und die Fantasie. Da kann Regisseur Antú Romero Nunes, der Meister des fantasie- und poesievollen Theaters helfen.
Auf seiner leeren Bühne lässt er das Ensemble, in dem es keine Hauptdarsteller gibt, in ständigem Rollen- und Kostümwechsel, ein Feuerwerk der Theaterkunststücke entfachen. Manchmal ganz direkt, indem die Schauspielenden mit ihren Händen und Zungen ein knisterndes Feuer erzeugen. Doch auch wenn sie von einer braven grauen Schulklasse mal eben zu einer turbulenten knallbunten Zirkustruppe werden. Manch eine (Cathérine Seifert) wird auch innerhalb einer Szene, in der sie gerade noch die heimliche, liebevolle Freundin eines Arbeiters gespielt hat, flugs zu einem leicht debilen, hechelnden Hund. Stets ist der Fantasie und der Spielfreude bei der Verwandlungskunst keine Grenzen gesetzt. Denn darauf setzt Nunes insgesamt: Während der der Inszenierung zugrundeliegende Roman von Charles Dickens eher die ausbeuterischen Verhältnisse in der Klassengesellschaft der frühen Industrialisierung Englands und deren Ungerechtigkeit vor Augen führt, rückt Nunes zusätzlich viel Zwischenmenschliches ins Scheinwerferlicht.
Doch auch dafür bietet der Roman schon die Steilvorlage. Denn auch in ihm kommt mit Sissy (Lisa-Maria Sommerfeld), dem burschikosen, rothaarigen Zirkusmädchen, eine Vermittlerin zwischen beiden Welten, der der Arbeiter und der des Zirkus, ins Spiel. Ihr Vater verschwindet und der Lehrer nimmt das Mädchen mit in seine Familie auf. Dort herrscht das strenge Regiment der Vernunft und der Tatsachen, unter dem besonders der aufmüpfige Sohn leidet. Die brave Tochter hat sich scheinbar perfekt mit diesem System arrangiert. Das bricht erst auf, als sie in die Ehe mit dem egozentrischen, arroganten, reichen Businessman Mr. Bounderby (Julian Greis) des Ortes einwilligt. Auch dort versucht sie ihr bisher erlerntes Lebenskonzept strikt umzusetzen, muss aber erkennen, dass ihr erwachender Gerechtigkeitssinn da nicht mitmacht. Als sie dann auf den gutaussehenden, desillusionierten Ex-Politiker (Jeremy Mockridge) trifft, der sich auf dem Land erholen möchte und mit dem sie eine Seelenverwandtschaft spürt, werden ihr die Leerstände ihres Lebens schmerzlich bewusst. Sie will endlich rein in die Gefühle, die sie bisher ausgespart hat. Sie ist es dann auch, die ihren gestrengen Vater (Tilo Werner) zum Nachdenken animiert. Er, der bisher nur auf Fakten und Tatsachen gesetzt hat, ist sich plötzlich nicht mehr so sicher. Er muss zugeben: Ich weiß es nicht. Ein für ihn bisher unaussprechbarer Satz. Angesichts seiner momentanen Lebensbilanz aber angebracht: Seine ständig an Kopfweh und schlechter Laune leidende Frau ist tot, seine intelligente Tochter unglücklich verheiratet und sein Sohn ein spielsüchtiger Krimineller. Der Vater zeigt sich erstaunlicherweise lernfähig. Zusammen mit seiner Tochter entschließt er sich seinen Sohn vor der drohenden Inhaftierung retten zu wollen. Und wo gehen sie dazu hin? Ausgerechnet in den Zirkus, den der Vater als völlig verwerfliches Gegenkonzept zu seiner moralisch einwandfreien Lebenshaltung der Effizienz ansah.
Nunes gelingt an diesem Abend wieder einmal eine Arbeit, die seine phänomenalen Fähigkeiten der Theaterkunst zur vollen Geltung bringt. Er kann es: Er kann auf einer leeren Bühne nur mit den Mitteln der Fantasie, Poesie und Kreativität eine Gegenwelt erzaubern. Der Soundtrack der fast ständig spielenden Liveband zwischen Volksmusik, Pop und Musical tut sein Übriges zur Stimmungsunterstützung. Wenn die Zeiten so hart sind wie heute, dann müssen wir eben leicht sein, so zitiert Nunes im Programmheft eine Figur des Stücks. Das ist die Form von Nunes Resilienzvorstellung, die heutzutage dringend gebraucht werde. Keine Aufrüstung mit Waffen, keinen Umsturz des Klassensystems, sondern die Investition in die Fantasie, in die Geschichten, in die Mitmenschlichkeit und damit natürlich in die Kunst des Theaters. Zu schön um wahr zu sein? Aber für die drei Stunden dieses wunderbaren Theaterabends mag man gerne daran glauben.
Birgit Schmalmack vom 23.10.26
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