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Fabian oder Der Gang vor die Hunde. DSH

Fabian oder Der Gang vor die Hunde. DSH

Foto: Katrin Ribbe

Wenn alles vor die Hunde geht


Zum Schluss hängt das Bühnenbild, das aus drei weißen, leeren Projektionsflächen besteht, in Fetzen. Jakob Fabian hat es zerschlagen. Er sieht keinen Sinn im Weitermachen mehr, wo alles um ihn herum zugrunde geht. Zuerst hatte er seine Arbeit als Werbetexter mit Doktortitel verloren, dann hatte ihn seine Freundin aufgrund einer Hochschlafkarriere beim Film verlassen und zuletzt hat sein bester Freund Labude Selbstmord begangen. Ausgerechnet Labude, mit dem er stets sich zuvor Streitgespräche darüber geliefert hatte, warum Fabian keinerlei Vorstellungen für die Zukunft entwickeln könne. Labude dagegen besaß diese politischen Ideale, für die er kämpfen wollte. Die waren in dieser Zeit, die Erich Kästner 1931 in seinem Roman „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ beschrieben hat, auch dringend erforderlich. Denn nach dem Ersten Weltkrieg lag Deutschland danieder. Die Arbeitslosigkeit grassierte, die Weltwirtschaftskrise griff um sich und die politischen Kämpfe zwischen den Kommunisten und den Nationalisten wurden direkt auf der Straße ausgetragen.
Von all dem erzählt Regisseur Dušan David Pařízek wunderbar ideenreich und dennoch minimalistisch in seiner Umsetzung für das Schauspielhaus. Und zwar mit seinen bewährten reduzierten Regie-Mitteln. Er beschränkt sein Ensemble auf fünf Personen, die fast 30 Rollen spielen müssen. Die Bühne ist ein weißer Kasten mit Kleiderstangen rechts und links zusätzlich zu den Musikinstrumenten und den bei Pařízek unvermeidlichen Overheadprojektoren. Mit letzteren werden nicht nur Schattenbilder auf die Projektionsflächen geworfen, sondern auch historische Schwarzweißfotos. Und Filmaufnahmen wie aus der Stummfilmära. Da krault Fabians übergroße Schatten-Zimmerwirtin den kleinen Schatten-Fabian mit ihren langen Fingernägeln am Nacken, wenn sie von ihm die Miete einkassieren möchte. Da projiziert Fabian seiner Freundin für einen Waldspaziergang mal eben ein paar Trockenblumen auf die Leinwände.
Gleich zu Beginn jedoch sausen die Schlagzeilen über die Projektionsflächen. Multikrise, Frau erstochen am Bahnhof, Mieten steigen immer weiter, Rohstoffknappheit, Kriegsgefahr, Inflation ohne Ende. Sind sie von heute oder von damals?, fragt man sich sofort. Das wird bewusst offengelassen. Pařízek lässt es zu, dass die Parallelität des fast hundert Jahre alten Stoffes stets durchschimmert, forciert sie aber nicht. Er traut dem Publikum zu, selber die Ähnlichkeiten und Unterschiede erkennen.
Micro Kreibich als Fabian ist der grandiose Mittelpunkt dieser Inszenierung. Mit seiner brüchigen Stimme und seiner körperlichen Wendigkeit ist er die perfekte Verkörperung des anpassungsfähigen jungen Mannes, der klug genug ist, um zu erkennen, dass dies keine Zeit für große Vorhaben ist. Er will sich vor einer Enttäuschung schützen, indem er seine Ziele möglichst gering ansetzt. So hofft er als Minimalist der Ansprüche durch diese Zeit zu rutschen, bis bessere kommen. Währenddessen versucht er seine privaten Glücks-Häppchen des Lebens abzugreifen, bevor es dafür zu spät ist. So genießt er das Berliner Nachtleben, kommt jeden Tag zu spät zur Arbeit und hat immer leere Taschen. Das wird erst anders, als er seine Freundin kennenlernt. Plötzlich wünscht er sich ein ganz normales Leben. Doch auch das wird ihm verwehrt.
Ein Happy End ist diesem Fabian natürlich nicht vergönnt. Doch der Grund, warum sich zum Schluss die Deckenplatte vom Bühnenhimmel ganz auf Kreibich heruntersenkt und ihn niederdrückt, ist ein ganz Kästner-typischer und soll hier nicht verraten werden.
Diese Inszenierung ist ein Theatergenuss. Pařízek erschafft mit so wenig Mitteln eine ganze Welt auf der Bühne, dass man nur beglückt über diese Feier der kleinen Momente das Theater verlassen kann. Keine Sekunde der vergangenen fast drei Stunden waren langweilig, auf keine davon hätte man verzichten mögen. Doch all das gelänge dem Regisseur nicht ohne sein überaus wandlungsfähiges Ensemble. Ob sie (Henning Hartmann, Christoph Jöde, Markus John, Emma Oberpichler) Männer oder Frauen darstellen, spielt dabei keine Rolle, sie verkörpern alle gleichermaßen mit der Veränderung weniger Kostümteile, ihrer Haltung und Gestik völlig überzeugend. Und nicht ohne Humor. Drei Stunden reinsten Theatervergnügen mit beunruhigend aktuellem Inhalt. Eine erodierende Wertegemeinschaft, die den Glauben an die Möglichkeiten des Aufstiegs, der Gerechtigkeit und der Fairness verloren hat, klingt doch eher nach der Auswertung einer soziologischen Studie von 2026. Dieser Stoff lohnt unbedingt der Wiederentdeckung, umso besser wenn es noch in so einer tollen Bühnenadaption geschieht.

Birgit Schmalmack vom 25.10.26

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