Girl on an altar, EDT
Girl on an altar, EDT
Foto: Sinje Hasheider
Der Palast ist eine Kriegsfabrik
Der eiserne Vorhang geht hoch und direkt vor den Zuschauenden im EDT erhebt sich ein schräger bühnenbreiter, menschhoher Wall, auf dem sich ein Paar liebevoll umarmt. Noch. Denn ihre Beziehung wird schon bald danach schwer beschädigt werden. Sie sind ein Königspaar, aber ihre Ehe ist nicht arrangiert, sondern bisher aus tiefer Zuneigung gespeist. Doch dann wird Klytämnestra Zeugin, wie ihr Mann Agamemnon ihre gemeinsame Tochter Iphigenie opfert. Nicht etwa um, wie man die Geschichte von Aischylos bisher kennt, Wind für seine Flotte zu bekommen, sondern um vor seiner Armee als unerschrockener Führer mit eindeutiger Manneskraft dazustehen.
Als Agamemnon 10 Jahre später als erfolgreicher Heeresführer nach Hause kommt, ist kein Gras über die Sache gewachsen, ganz im Gegenteil: Klytämnestra hat seitdem ihr „Geisterkind“ jeden Abend mit ins Bett genommen. Das Vertrauen zu ihrem Mann ist zerstört, doch die Erinnerung an ihre frühere Liebe noch nicht ganz erloschen. Denn anders als im Original gibt ihr die irische Autorin Marina Carr in ihrer Neubearbeitung des Stoffes ein Jahr Zeit, um den früheren geliebten Agamemnon in dem Mann zu suchen, der nun vor ihr steht. Und auch dieser ist vielschichtiger gezeichnet, als man ihn kennt. Er versucht einiges, um seine immer noch begehrte Frau wieder zurückzugewinnen. Nach seiner subjektiven Selbsteinschätzung mache er für einen Mann seiner Größenordnung (fast gottgleich) ungewöhnlich viele Zugeständnisse. Daniel Schütter gibt ihn als einen wendigen, fitnessvernarrten und dennoch liebenden Macho, der sich gerne mit einer klugen Frau wie seiner Klytämnestra schmücken möchte. Ines Nieri ist seine ebenbürtige, kraftvolle, standhafte Gegenspielerin, die ihm in puncto Präsenz, Eloquenz und Argumentationsstärke in nichts nachsteht. Sie lässt sich nichts gefallen. Sie ist keine, die nachgibt, auch wenn sie weiß, dass sie dabei nichts zu gewinnen hat. Sie bleibt sich bis zum bitteren Schluss treu. Denn sie kämpft nicht nur gegen ihr eigenes Trauma. Sie setzt sich auch gegen die Barbarei ein, da sie sich selbst schon in der Moderne verortete und erstere überwunden glaubte. Dem stimmt ihr Gatte für sich selbst zu, glaubt auch er nicht mehr an die Götter. Aber für sein rückwärtsgerichtetes Volk und für seinen eigenen Machterhalt bedient er sich doch noch allzu gerne dessen „Aberglauben“. Dennoch ist hier klar: Die Schuld kann hier niemand mehr den Göttern zuschieben, der Mensch alleine muss die Verantwortung übernehmen.
Regisseur Elias Perrig lässt die Figuren wie in einem Schattentheater oben auf dem Wall-Altar auftreten und verlässt sich ganz auf die reine Wirkung des Textes. Zu Recht, auch wenn er es in sich hat. Denn er wechselt ständig die Sprechhaltung. Mal treten die Agierenden in Dialog. Mal erläutern sie ihre Gedanken und Handlungen wie aus der Distanz und lassen dabei von außen in ihr Inneres blicken. Auch alle Nebenfiguren bekommen ihren Platz auf dem schmalen Spielraum. Die Kinderfrau (sehr präsent: Dagmar Bernhard), die trojanische Gespielin Kassandra (Nayana Heuer) und Klytämnestras Vater (Peter Albers). Klytämnestras neuer Gefährte Ägisth (K) spielt dagegen in dieser Überschreibung eher eine kleine Rolle. Diese Königin braucht keinen Mann an ihrer Seite, um Tatkraft zu entwickeln. Doch auch hier hat diese Beziehung keine Zukunft, sondern nur ein blutiges Ende.
Eine strenge, konzentrierte und sehr kluge Inszenierung, die herausfordert, auch weil sie ihrem Publikum keine Pause in dem zweistündigen Schatten-Spiel gönnt. Aber die Ausdauer lohnt sich, denn der Text und das Spiel des Ensembles wissen so in ihren Bann zu ziehen, dass sich kein Moment der Langeweile einstellt. Ganz im Gegenteil: Dieses analytische Drama seziert ganz genau die Todesspirale von Macht und Gewalt.
Birgit Schmalmack vom 4.11.26
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