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Almut, Lichthof

Almut, Lichthof

Paul Behren und Alessio Marra

Die Feder der Freiheit

Zum Schluss überreicht sie ihm die lange, schöne, gemusterte Feder, wie einst die Großmutter. Mit einem leicht ironisch lächelnden Blick in den Spiegel, der von der Handykamera auf die Bühnenleinwand übertragen wird. Paul Behren hat zwar seine Oma selten getroffen, dennoch haben ihn ein paar ihrer Sätze nie losgelassen, so wie die Feder, die sie ihm beim letzten Treffen zum Abschied feierlich schenkte. Denn seine Großmutter war eine Frau, die das Gefühl der Freiheit wie ein nie versiegender innerer Strom begleitete, obwohl ihre äußeren Umstände angsterzeugend waren. Almut Wolf war eine sogenannte „Halbjüdin“, der es aber gelang, die Naziherrschaft in Hamburg zu überleben. Sie zog nach dem Feuersturm 1943 in ihr unbewohntes Elternhaus in der Heilwigstraße ein und eröffnete dort trotz Hausdurchsuchungen der Gestapo eine kleine Physio-Praxis.

Auf dem Boden des Lichthof-Theaters liegen zahlreiche historische Fotos und Dokumente aus Almuts Leben verstreut. Doch sie bilden nur den Anregungsrahmen für Behrens choreographische Annäherung. Denn bei ihm liegt der Fokus in der Hineinversetzung in die von dem geschichtlichen Kontext geprägten Körperbilder, die in den Zeugnissen zum Ausdruck kommen, und nicht in der Darstellung von Fakten und Daten. Dazu hat der Schauspieler, der zuletzt den Hamlet im Schauspielhaus spielte, eine tolle Mitstreiterin zu sich auf die Bühne geholt. Es ist die Tänzerin Alessio Marra, die mit ihn in den Dialog über Almut tritt. „Sieht sie nicht der Schauspielerin Monica Bellucci ähnlich, oder vielleicht doch eher Maria Montessori?“ fragen sie sich gegenseitig schmunzelnd. Dann versucht Marra das geheimnisvolle Lächeln Almuts nachzuahmen und überprüft das Ergebnis mit der Handykamera, die ihr Selfie neben ein Porträt Almuts auf die Leinwand projiziert. Oder sie bewegt sich durch den mit Tape auf den Boden gezeichneten Grundriss der Heilwigstraßen-Wohnung. Doch nur vorsichtig, bei Nacht und ausgeschaltetem Licht, immer nahe dem Boden, mit abgehackten kurzen Bewegungen, aus immerwährender Angst vor der Entdeckung. Aber es geht auch ganz spielerisch: Als Behren ein Zitat der Oma entdeckt, in dem sie von den Verstorbenen spricht, die sie als schimmernde Gestalten weiter begleiten, da schmieren sie sich gegenseitig mit silberner Farbe ein und springen als glitzernde Kobolde durch den Raum.

Wie lebt es sich zwischen Angst, Verfolgung, Trauer, Aufbegehren und Selbstbehauptung? Dafür versuchen die Beiden in „Almut“ Bewegungen zu finden, die diesen Gefühlen Ausdruck verleihen. Da die Großmutter dem expressionistischen Tanz zugetan war, bedienen sie sich vornehmlich aus diesem Instrumentenkasten. Sie stecken mit den Armen Grenzen ab, wedeln sie aber im nächsten Augenblick mit schnellen Armrudern wieder energisch fort. Sie knicken immer wieder auf dem Boden ein, um sich dann in weit ausschwingenden Kreisen frei zu tanzen. Sie spüren sich einerseits in die Einengung des Verstecks hinein und kosten andererseits die Energie des Loslassens im exzessiven, raumgreifenden, gemeinsamen Tanzen voll aus.

Wenn Marra zum Schluss den Laptop mit dem Porträt der Großmutter nimmt und sich dieses vor das eigene Gesicht hält, während sie weitertanzt, verschmelzen die zwei Frauen für einen kurzen Moment zu einer. Kurz danach grinst sie aber schon wieder direkt verschmitzt in die Kamera. Denn diese ganz persönliche Oma-Erkundung behauptet nie, eine historische Aufarbeitung geleistet, eine Wahrheit gefunden oder die damalige Zeit gänzlich verstanden zu haben. Nein, sie will einzig dem unerschütterlichen Freiheitsreservoir dieser beeindruckenden Frau nachspüren, um ein Stück davon aus der Vergangenheit ins Heute zu transferieren. Man könnte es wieder dringend gebrauchen.

Birgit Schmalmack vom 6.11.26

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