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Selfie mit Opfer

Angabe der Person © Arno Declair



Da steht Elfriede Jelinek nun auf der Bühne, und zwar gleich in dreifacher Ausführung: Eine jüngere Ausgabe der Nobelpreisträgerin mit langen rotblonden Haaren, schon mit einem Grauansatz am Scheitel, einer schlichten schwarzen Hose, einem grafisch gemusterten Pullunder zu weißer strenger Gouvernantenbluse. Damit ihr, immer um sie selbst mäandernder Endlostext einigermaßen bewältigbar bleibt, ist er auf drei Schauspielerinnen aufgeteilt, inklusive einer sichtbaren Souffleuse, die in steter Bereitschaft mit auf der Bühne sitzt. Denn Elfriede Jelinek ist wieder einmal wütend, sie klagt an, sie hasst, sie teilt aus, aber sie lässt niemanden aus, auch sich selbst nicht.

Im ersten Part widmet sich Lina Reuss mit jugendlich- energischem Furor dem ersten Auslöser ihres akuten Ärgers, nämlich der Hausdurchsuchung ihres Münchner Wohnsitzes und der Beschlagnahmung all ihrer Schriften. Das kommt für Jelinek einem Sakrileg, einer inakzeptablen Überschreitung ihrer ureigenen intimen Privatgrenze gleich. Wie eine Zutrittsverschaffung zu ihrem Gehirn, in ihr Innerstes, in ihre Gedankenwelt.

Im zweiten Monologteil bringt Fritzi Haberlandt den Humor und die Selbstironie der Jelinek zum Strahlen. Wie eine Komödiantin spielt sie die Wortakrobatin, die auf ihrer eigenen Persönlichkeit herumtänzelt und sich darin gefällt, sich selbst zum Gegenstand ihrer Witze zu erklären. Virtuos zieht sie aus der Ich-Bezogenheit ihrer zurückgezogen lebenden, ganz ihrem Schreiben verhafteten Existenz ihren komödiantischen Stoff.
Im dritten Monolog-Teil gibt Susanne Wolff die souverän resümierende, schon etwas gealterte Spracharbeiterin. Die Haare sind nun etwas kürzer, der Pony etwas voluminöser, statt Bluse trägt sie Blazer und T-Shirt zu schwarzer Hose und Pullunder. Sie gräbt nun tief in ihrer familiären Vergangenheit. Sie als Opfer der Beamtenwillkür sucht sich andere Opfer zur Unterstützung. Die findet sie in ihrem jüdischen Familienzweig. Sie mache gewissermaßen ein Selfie mit Opfern, nennt sie das selbstironisch. Sie arbeitet sich an Nazi-Tätern ab, wie zum Beispiel Arthur Seyß-Inquart und Baldur von Schirach. Seitenhiebe auf die Thearerstücke eines Nachfahren des letzteren, namens Ferdinand von Schirach, die sich so gut verkaufen, inklusive.

Doch dort bleibt sie nicht stehen, denn wer ist nicht zugleich auch Täter, wenn jeweils zu den entsprechenden Gedenktagen die Vergangenheitsbewältigung jedes Jahr aufs Neue selbstzufrieden abgehakt wird, ohne wirklich etwas ändern zu müssen.

Jelinek als ein Opfer, das ist wirklich mal eine neue Perspektive, die sie in ihrem jüngsten Text einnimmt. Doch vielleicht auch nur eine Spielvariante unter all den vielen, in die sie sich mit Hilfe ihrer sprachverliebten Wortverdrehereien so gerne und ausgiebig hineinschraubt? Bei Jelinek kann man sich da nie so sicher sein. So stellt ihr Regisseur Jossi Wieler als selbstkritisches Ausrufezeichen einen sehr schweigsamen Mann (Bernd Moss) mit auf die Bühne, scheinbar ihr Ehemann, der bei dieser Frau allerdings wenig bis gar nicht zu Wort kommt. Erst als alle drei Jelineks schon die Bühne verlassen haben, ergreift er das Wort. Doch es ist wieder nur ihres: Er nimmt sich das Textbuch der Souffleuse und liest, bis das Licht erlischt, aus dem nicht enden wollenden Gedankenstrom seiner Ehefrau vor.

Regisseur Jossi Wieler verlässt sich bei seiner Inszenierung am Deutschen Theater, die nun im Rahmen des Hamburger Theaterfestivals im Thalia Theater zu sehen war, ganz auf seine drei Schauspielerinnen, die dem Text Jelineks Leben einhauchen. Das Bühnenbild, die drehbare Attrappe einer Wohnungsecke, bleibt fast die ganze Zeit unbenutzt und leer. Die drei Darstellerinnen sprechen den Text an der Rampe direkt ins Publikum. Erst als sie sich in einer letzten kurzen Szene zu dritt rauchend in die Wohnungsecke stellen und den Text dialogisch sprechen, bekommt er noch mehr Drive, den er nach zwei Stunden ununterbrochenem Zuhören auch gut gebrauchen kann.
Birgit Schmalmack vom 9.6.23