Some thing folk, HAU

Some thing folk
Cullberg Company
Keine Folklore
„To steal a folk is to kill a folk“. Das wird zum Schluss von „Some thing folk“ auf den weiß durchscheinenden Bühnenvorhang projiziert.
Doch was hat man in der letzten guten Stunde auf der Bühne verfolgen können? Zu Geräuschen, die nur die Performer selbst erzeugen, erkunden sie in einem artifiziellen, knallblauen, kahlen Naturambiente aus einem Baum und Astgeflecht und Baumstümpfen, ihre Bewegungsmöglichkeiten. Sie erscheinen wie Menschen oder Tiere, die erst einmal üben müssen, wie ihre Gliedmaßen zu benutzen sind. Ihre Arme und Beine scheinen ein Eigenleben zu führen, das sie nicht kontrollieren können. Ihre ungelenken, unkoordinierten, tolpatschigen Bewegungen scheinen keinen Sinn zu geben. Mal glaubt man sich in einem Zoo, mal in einem Kindergarten, mal in einer Psychiatrie. Doch sie geben nicht auf. Sie üben immer weiter. Schließlich entdecken sie das Prinzip der Nachahmung. Eine Gruppe findet zu gemeinsamen Bewegungsmustern. Während die anderen noch in ihrer Vereinzelung verharren, finden diese zu einer sich gegenseitig motivierenden Gemeinschaft zusammen. Sie entdecken gemeinsame Entwicklungsmöglichkeiten, die zuvor außerhalb ihrer Reichweite schienen. Doch im Kollektiv sind sie nun möglich. Tanzformen werden entdeckt, zu denen sie zunächst mit Bodypercussion den Rhythmus vorgeben, der dann bald von Musik abgelöst wird. Schließlich kann sich keiner der Menschen auf der Bühne mehr dem Sog der Gemeinschaft entziehen. Doch dann gibt es einen Bruch: einer schnappt sich einen der Baumstümpfe, trommelt wild darauf herum und ruft laut: „My folk!“ Zwistigkeiten tun sich auf. Einflüsternde Stimmen mischen sich unter den Soundtrack. Die Bühne leert sich, nur eine Tänzerin macht unermüdlich weiter, in einem Scheinwerferkegel unter einer scheinbar geschlossenen Wolkendecke.
Der Schmerz über den Verlust der Erfahrung einer geteilten Kultur wird überdeutlich, wenn zwischen den wieder vereinzelten Tänzer:innen einer von ihnen mit verrenkten Armen und Händen laute Schreie ausstößt. Die Vorhänge werden wieder zugezogen. Schattenbilder werden sichtbar. Wie zu Beginn. Doch dieses Mal sind sie alle gleich groß und erkennbar von heute. Ganz zu Beginn variierte ihre Größe von Puppenformat bis zu überlebensgroß und alle verharrten in Positionen, die wie die Einfrierung einer tänzerischen Bewegung aussahen. Jetzt sind alle gleich groß. Vielleicht gibt es doch Hoffnung auf die Utopie auf so etwas wie ein gemeinsam geschaffenes Volk, das unabhängig von Nationen und Pässen entstehen könnte. Und wenn auch nur hier auf der Bühne in der Vision von Ligia Lewis in Zusammenarbeit mit dem schwedischen Cullberg Ensemble.
Birgit Schmalmack vom 29.8.25
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