Liquid Bodies, Lichthof
Liquid Bodies, Lichthof
© Johanna Baschke
Ich und Du werden zu einem Wir
Der Raum in der Rentzelstraße, wo das Lichthoftheater eine noch im Werden befindliche Probebühne aufbaut, ist zu einem aquarischen Erlebnisraum geworden. Auf dem wasserfest ausgelegten Boden schlängeln sich riesige, blau gemusterte Stoffschlangen, die sich bis zu Sitzbergen auftürmen. Ein rechteckiges Wasserbassin aus dicker aufgewölbter Teichfolie erstreckt sich zu einer Wasserbahn. Über ihr hängt ein Beutel, aus dem ab und zu ein Tropfen in das Bassin fällt. Er schlägt konzentrische Kreise in das Becken, deren Muster von Scheinwerfern auf die Wände übertragen werden. Am unteren Ende steht ein Schlagzeug. Wassertropfen treffen zuerst sanft und vereinzelt auf die vier Trommeln, die unterschiedliche Tonhöhen wiedergeben. Dann erhöht sich das Tempo und ein Rhythmus wird erkennbar, bis er sich zur einer Komposition verdichtet. Vier Performerinnen in fantasievollen Wasserfallkostümen in Blautürkis-Tönen bewegen sich geschmeidig durch den Raum. Mit stummen Gesten fordern sie die Zuschauenden auf, sich an einer Wasserschlangen-Prozession zu beteiligen. So schlängeln sich die Stoffgebilde nun durch den Raum, um am Ende bequeme Sitzbänder für alle bereit zu halten.
Doch auch sonst wird ab und zu sanft zum Mittun aufgefordert. Dann werden einem Wasserbecken gereicht, die in das Bassin geleert werden sollen. Oder man darf sich eingeladen fühlen, sich bei dem meditativen Gesang der Vier entspannt auf die Sitzkissen zu legen. Damit niemand kalte Füße bekommt, haben alle zu Beginn warme blaue Plüschsocken gereicht bekommen, denn die Schuhe blieben im Schuhregal des Foyers.
Hier entsteht eine fürsorgliche Gemeinschaft, die sich umeinander sorgt. „Ich-Du“ heißt ein beschwingtes Lied, das die vier Frauen zu allerlei Assoziationen zu Thema Flüssigkeiten anregt. Da entstehen aus Wörtern wie Kita, Alster, Brotdose, Gardasee, Nasenschleimhaus und Vulva Gedankenketten, die irritieren und dennoch einen eigenen Sinn entfalten. Als zwei der vier Frauen sich zum Ende hin in das Bassin begeben und sich über und über mit Wasser überschütten, bis sie triefend nass sind, bekommt der Fürsorgeaspekt noch einmal zusätzliche Notwendigkeit. Sofort sind die beiden Anderen mit Handtüchern zur Stelle und fangen an, ihre Gefährtinnen vorsichtig und behutsam abzutrocknen. Dann werden die Handtücher an die Zuschauenden weitergereicht mit der Andeutung, hier mal einen Arm, hier mal ein Bein, hier den Rücken und dort die Haare trockenzureiben. So entsteht aus der zufällig zusammengewürfelten Zuschauergruppe für eine kurze Zeit eine Sorgegemeinschaft, die sich umeinander kümmert.
Die Glitch-AG (Raha Emami Khansari, Eva-Maria Glitsch, Anna Hubner, Christine Kristmann), die mit dieser Produktion ihr zehnjähriges Bestehen feiert, hat mit Liquid Bodies einen besinnlichen, poetischen, zarten Abend eingerichtet. Es ist einer, der mehr durch eine liebevolle Atmosphäre in die Arme nimmt, als einer, der durch seinen textlichen Inhalt besticht. Einer, in dem man sich hineinfallen lassen und die Sätze, Klänge und Stimmungen als Anregung für eigene Gedankenläufe nehmen darf. Er lässt erstaunlich viel Raum für Stille, in denen nur die Wassertropfen zu hören sind. Besonders beeindruckend ist die Musik des Klangkünstlers Sebastian Russ, die immer wieder auf Neue überrascht. Zusammen mit den aufwendig gestalteten Kostümen in ihrer wunderschönen Mischung aus Badekleidung und Wasserfallüberhängen, der klaren und dennoch verspielten Bühnenraumgestaltung (beides: Meret Zürcher) und der ruhigen und konzentrierten Präsenz der Performerinen entsteht eine Ahnung von weiblicher Gemeinschaft, die sich organisch entwickelt.
Dies ist der erste Teil einer Wassertrilogie. Man darf gespannt sein, was der Glitch-AG als nächstes zu dem Thema einfällt.
Birgit Schmalmack vom 23.3.26
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