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Zurück zu Ali, Kampnagel

Zurück zu Ali, Jenny Beyer, Kampnagel

Foto: Julie Nagel

Das familiäre Schweigen


„Diesen Sessel hat mein Großvater sich von seinem Entschädigungsgeld für seine Haftzeiten gekauft.“ Auf diesem sitzt Jenny Beyer jetzt, während sie den Erinnerungen an ihren Großvater Ali nachspürt. Auf ihm hat er vielleicht auch gesessen, als sie als Dreijährige direkt im Haus gegenüber vor den bodentiefen Fenstern tanzte. Mit einem roten Band um die Taille. So eines trägt Beyer auch heute, allerdings nicht wie damals, zu einem weißen Kleid, sondern zu T-Shirt und Hose. Entspannt und selbstvergessen tanzt sie zu klassischer Musik. Mit Schwüngen, Drehungen und weitausgreifenden Armbewegungen. Denn noch ahnt sie nichts von der Vergangenheit ihres Opas. Dieser wusste schon früh, dass Hitler die Deutschen in einen großen Krieg führen würde. Er hatte sein Buch „Mein Kampf“ aufmerksam gelesen. Er war Teil einer Widerstandsgruppe und verteilte Flugblätter unter Fußmatten in den Treppenhäusern seines Stadtviertels. Er wurde verhaftet und seine Odyssee durch die verschiedenen Arbeits- und Konzentrationslager begann. Erst kurz vor Kriegsende gelang ihm die Flucht. Ali hatte als einer der wenigen die Lager überlebt.

Beyer zeigt seine Entwicklung in ihren Tanzsequenzen, die sie zwischen ihre dokumentarischen Rechercheergebnisse setzt. Da sieht man sie zum Beispiel in ihrem Studio, wo sie sich mit geschlossenen Augen in ihren Großvater hineinversetzt. Sie zeigt dann gleichzeitig jemanden mit einer festen Basis und freiem Geist. Beyer doppelt die filmisch festgehaltenen Bewegungen auf der Bühne. Doch in sie mischen sich zunehmend ein Trotzdem, ein Aufbegehren, ein Widerstand, der sich lautstark Gehör verschafft und sich nicht unter Gefahr wegduckt.

Diesen Abend widmet Beyer ganz dem Mut und Widerstandskraft ihres Großvaters. Sie stellt ihre Kunst und Präsenz völlig in den Dienst seiner Vergangenheit. Jede Sentimentalität verbietet sie sich. Ihr Tonfall bleibt stets sachlich und distanziert berichtend. Nur in ihrem Tanz erlaubt sie sich den Ausdruck von Gefühlen, aber stets aus der Sicht ihres Opas. Sein Leben nach dem Krieg und damit auch ihre Beziehung zu ihm erwähnt sie nur an einer Stelle. Auf dem Lamellenvorhang erscheint dazu ein Foto, auf dem sie neben ihrem Opa in einem Strandkorb sitzt. Sie erinnert sich genau: Das war in dem Jahr, als die Katastrophe von Tschernobyl geschah, die für Ali sein Bild von dem überlegenen kommunistischen System in der Sowjetunion schmerzlich und nachhaltig in Frage stellte.

Die Frage, warum in ihrer Familie nie über die Vergangenheit ihres Opas gesprochen wurde, kommt leider nur im Abendzettel vor. Dort verknüpft mit der spannenden Frage, ob dieses Schweigen auch daran liegen könnte, dass man dann auch über den anderen Großvater hätte reden müssen, der ein überzeugter Nazi gewesen ist. Doch wie sagt Beyer am Ende dieses Abends? „Soweit erzähle ich seine Geschichte dieses Mal.“ Man darf gespannt sein auf die Fortsetzung.

Birgit Schmalmack vom 26.3.26

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