Die heilige Joahnna der Schlachth, Theaterfestival
Die heilige Johanna der Schlachthöfe, DSH
Birgit Hupfeld
Eat the rich
In einer Szene steht die voluminöse Fleischkönigin in ihrer blutroten bauschigen Taft-Robe mit der langen Schleppe direkt neben der zarten Johanna, die nur ein T-Shirt anhat. Während Johanna ihr erklärt, warum sie so ausdauernd für die Sache der Arbeiter auf den Schlachthöfen kämpft, wickelt die Unternehmerin sie einfach komplett in ihre Stoffbahnen ein. Die Kapitalistin umgarnt die Sozialarbeiterin völlig und umhüllt sie soweit, dass nur noch ihr Kopf herausschaut. Ein anderes Mal nimmt die Vollblutbusinessfrau die kleine Johanna einfach auf den Arm und streichelt ihr sanft über den Kopf. In diesen Momenten entsteht eine zaghafte Interaktion zwischen den beiden Protagonistinnen in dieser Inszenierung. In den Hauptrollen stehen sich gleich zwei Frauen gegenüber. Denn Regisseur Dušan David Pařízek hat den im Original männlichen Schlachthofboss Mauler hier mit einer Frau besetzt. Und was für einer! Stefanie Reinsperger füllt die ganze leere Bühne eigentlich schon ganz alleine. Wenig Platz bleibt hier für andere. Selbst Kathleen Morgeneyer als die Titel gebende Johanna hat es schwer, sich gegen sie durchzusetzen. Die zarte Stimme der Mitmenschlichkeit kann sich neben der alles bestimmenden Macht des Geldes kaum durchsetzen.
Doch zur Situation: Auf den riesigen Schlachthöfen Chikagos herrschen in den 30ziger Jahren des letzten Jahrhunderts schon lange furchtbare Arbeitsbedingungen. Durch die grenzenlose Profitgier angetrieben, überbieten sich Schlachthofbetreibern im Konkurrenzkampf und spekulieren an der Börse mit den Arbeitsplätzen der Menschen. Schließungen, Entlassungen, Obdachlosigkeit, Hunger und Elend sind die Folgen. So beschreibt es Brecht in seinem Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe.“ Pařízek streicht es auf die Hauptpersonen zusammen. Das konzentriert seine Aussagen auf die wichtigen Passagen, aber verzichtet auch fast komplett auf die Handlung. Stattdessen stellen die Hauptpersonen ihre Thesen eher in Monologen auf die leere Kubusbühne, die leicht abschüssig geneigt ist. Obwohl alle ihre Sache mit viel Verve vertreten, wirkt der Abend dadurch etwas trocken und gelichförmig. Da hilft es auch nur bedingt, wenn Pařízek die Nebenfiguren eher als Karikaturen ihrer selbst agieren lässt, um für unterhaltende Aspekte zu sorgen.
Genial ist allerdings die Idee, einen Text von Ayn Rand, der libertären amerikanischen Kultautorin (und Zeitgenossin von Brecht) seiner kapitalismuskritischen und vom Marxismus geschulten Sichtweise gegenüber zu stellen. Während Rand das Genie des Unternehmers, der die Welt am Laufen hält, feiert, macht Brecht die Profitgier dieser Unternehmer dafür verantwortlich, dass die Welt für die da unten zugrunde geht. Dazu passt dann auch, dass Reinsperger und Morgeneyer ihre Auftritte als Raum für große Reden bekommen, aber selten in einen Dialog treten. Oben und unten verstehen sich nicht, denn sie sprechen völlig unterschiedliche Sprachen.
Es gab jubelnden Applaus für die Darstellenden, besonders für die beiden Hauptdarstellerinnen. Es hatte sich gelohnt, dass Reinsberger extra aus Wien angereist war, denn sie ist mittlerweile nicht mehr am BE, aus dessen Repertoire dieses Gastspiel stammt, sondern wieder an der Wiener Burg. Festivalintendant Nikolaus Besch hatte wieder einmal genau den Geschmack seines Theaterfestivalpublikums getroffen.
Birgit Schmalmack vom 18.6.26
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