Irresistible Revolution, Kampnagel
Irresistible Revolution, Kampnagel
Ayelen Parolin
Unwiderstehliche Bewegung
Zögerlich, unsicher, schwankend kommen die Tänzer:innen einzeln auf die Bühne. Sie halten sich fest an den Händen, wie um sich gegenseitig Halt zu geben und mit nach vorne zu ziehen. Manche von ihnen stehen schräg in der Gegend, andere trippeln nur, weitere machen sich extra klein. Voller Elan vorwärts ins Getümmel stürzt sich keiner von ihnen. Alle scheinen noch ihren Platz zu suchen. Nur ihr eigenes Murmeln, Stöhnen, Seufzen und Rufen ist zunächst zu hören. Als ihre zögerliche, uneinheitliche Reihe vorne angekommen ist, machen sich einzelne von ihnen selbstständig. Sie lösen sich von ihren Nachbarn, um sich in anderen Formationen zu beschnuppern. Alle sind in bunter leichter Bekleidung gekommen. Sehr kurze Fransenröcke, Glitzertops, transparente Shirts zu kurzen Shorts. Jeder hat sich ein anderes entspanntes Sommeroutfit zu viel nackter Haut ausgesucht. So individuell wie ihre Kleidung wird auch ihr Tanzstil den ganzen Abend über bleiben. Ein Gleichklang ihrer Bewegungen wird sich nur sekundenweise ergeben. Auch zu Berührungen wird es wenig kommen. Alle bleiben Individuen, auch wenn sie sich zu einem Tanzevent getroffen haben. Denn angeregt hat sich die Choreographin Ayelen Parolin von dem Erlebnis des argentinischen Karnevals. Ihr erster, in dem der so genannte Murga eine große Rolle spielt, sei ein Schock gewesen, gibt sie im Interview mit Andras Siebold zu.
Die unterschiedlichen Gefühlslagen, die sich in einem solchen Gemeinschaftserlebnis ergeben, hat sie in ihrer Arbeit auf die Bühne gebracht. Es ist ein Erlebnis zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen Ritualen und Exzessen, zwischen Absturz und Euphorie. Nie erreichen die Tanzenden einen Punkt, wo sie ganz bei sich angekommen zu sein scheinen und sich in der Gemeinschaft verlieren können. Und wenn, dann nur für Sekunden. Gleich danach stolpern sie in die nächste Erfahrung, die ebenso aufrüttelnd, unerwartet und überraschend ist. Genau in dieser Freiheit zur Selbsterfahrung scheint für Parolin die besondere Qualität des Murga zu liegen, die sie in dieser Arbeit mit ihrem Team herausarbeitet. Mit ihren Profitänzern zeigt sie das Amateurhafte, das alle Tanzenden mit einschließt. Mit all ihren Fragen, Unsicherheiten und Schwankungen. Und mit ihren Einzelauftritten, in denen sie plötzlich für kurze Zeit im Mittelpunkt stehen und ihren ganz eigenen Tanzstil darbieten dürfen, von dem sie vielleicht nicht einmal selbst wussten, dass sie zu ihm fähig sind. Die Musik, die Benoist Este Bouvot dazu ersonnen hat, greift lateinamerikanische Rhythmen auf ohne sie zu kopieren, denn er versieht sie immer wieder mit Brüchen und mischt sie mit anderen Soundanleihen, z.B. aus Elektro, Techno, HipHop oder Klassik.
Dass diese Tanz-Zusammenkunft auch durchaus politisch sein kann, zeigt die letzte Szene. Plötzlich finden sich alle Tanzenden am Rand der Bühne zusammen, eine klettert auf die Schultern der anderen und klopft in einem gemeinsamen Aufwallen gegen die Wand: Revolution! So kann aus dem gemeinsamen Feiern, Tanzen und Bewegen plötzlich eine Bewegung werden, die sich zu mehr in der Lage sieht. Dieser Gedanke kam der Choreographin durch adrienne maree browns Konzept des Pleasure Activism. Aktivismus darf und muss Spaß machen, denn erst aus der gemeinsamen Freude am Widerstand erwächst die Energie für diesen. Diese Eröffnung des diesjährigen Sommerfestivals war leicht, mitreißend und anregend zugleich. Und passt damit perfekt zu seinem Motto für 2026: Hope!
Birgit Schmalmack vom 11.8.26
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